Sonntag, 25. Juli 2010

Wenn die Übung beendet ist…?

IPSC-Schießen ist eine anspruchsvolle Sportart mit einem hohen Spaßfaktor. Gebrauchswaffenträger sollten jedoch von einer Teilnahme Abstand nehmen. Als Trainingsmöglichkeit für den taktischen Schusswaffeneinsatz ist IPSC kontraproduktiv und daher völlig ungeeignet.


Der IPSC-Schütze hat den Parcours durchlaufen. Er beschießt aus seiner letzten Position heraus alle noch verbliebenen Ziele. Als er fertig ist, reißt er unverzüglich sein Magazin aus der Waffe, repetiert die Patrone aus dem Patronenlager, schlägt die Waffe mit einer lässigen Handbewegung ab und holstert sie in atemberaubender Geschwindigkeit. Diese Handlungsweise wird für den Teilnehmer in seiner kleinen Welt des Hochleistungssports ohne Konsequenz bleiben. Für einen Gebrauchswaffenträger hingegen kann solch eine Routine fatale Folgen haben.


Fehleranalyse
1.) In der realen Welt ist das Entladen der Waffe nach dem vermeintlichen Ende einer Konfrontation schlicht und ergreifend lebensgefährlich. Das Entladen der Waffe nach dem letzten Schuss ist eine Routine, die beim IPSC bis zum Automatismus geübt wird. Im Ernstfall fällt der Körper immer in Verhaltensweisen zurück, die er im Training zu beherrschen gelernt; also automatisiert hat. Ein Schütze, der regelmäßig an IPSC-Veranstaltungen teilnimmt, trainiert demnach ein Element, das konträr zu einer taktisch sinnvollen Verhaltensweise steht.

2.) Der Grund für das Entladen liegt im Reglement der IPSC. Man will ein Höchstmaß an Sicherheit erzeugen, indem alle Waffen „entladen“ sind, es sei denn der Wettkampfteilnehmer absolviert gerade seinen Parcours. Damit wird ein weiterer Irrtum ins Training implementiert: Dem Waffenträger wird anerzogen, dass es zu irgendeinem Zeitpunkt „entladene“ Waffen gibt und (noch schlimmer), ihm wird suggeriert, dass er diesen Zeitpunkt kennen würde.
Streng genommen wird hier eine Verletzung der Sicherheitsregel #1 begangen: „Alle Waffen sind geladen.“

3.) Das im IPSC oftmals sehr lässige Ausführen des Leerabschlagens ist eine unbewusste Handlung, die bei permanentem Gebrauch zu einer Fehlkonditionierung des Abzugsfingers führt. Ergibt sich wirklich eine Situation, die ein Leerabschlagen der Waffe erforderlich macht, sollte das Abkrümmen korrekt ausgeführt werden. Das heißt: Die Waffe wird in Anschlag gebracht, Visierbild und Haltepunkt werden hergestellt und erst dann wird der Abzug betätigt ohne das dabei das Visierbild gestört wird.
Jedes Abkrümmen sollte als eine in sich abgeschlossene Trainingseinheit für den Abzugsfinger verstanden werden.

4.) Für das schnelle Holstern einer Waffe gibt es keinen Grund. Im Ernstfall einer realen Konfrontation wird die Waffe erst dann geholstert, wenn die Gefahr beseitigt ist. Diese Bewegung erfolgt ohne Zeitlimit.


F.A.S.T.T.T.T.-Protokoll
Eine bewaffnete Konfrontation ist nicht mit dem vermeintlich letzten Schuss beendet. Im Grunde beginnt dann erst der wesentliche Teil. Der Verteidiger muss eine Bewertung seiner Treffer vornehmen, er muss sein Umfeld nach weiteren möglichen Angreifern absuchen. Anschließend lädt er seine Waffe nach. Gleichzeitig sucht er sich eine geeignete Deckung (sollte das nicht schon erfolgt sein), er untersucht sich selbst auf mögliche Verwundungen und kommuniziert mit eigenen Kräften, übergeordneten Stellen oder Unterstützungskräften.
Das F.A.S.T.T.T.T.-Protokoll (auch als Wyatt-Protokoll bekannt) ist eine Abkürzung, in der diese Handlungen zusammengefasst sind:

F – Fight
A – Assess ... (Muss ich noch einmal schießen?)
S – Scan ... (Muss ich noch jemanden beschießen?)
T – Top Off the Weapon ... (Nachladen)
T – Take Cover ... (Deckung suchen)
T – Treat Injuries ... (Bin ich selbst verwundet?)
T – Talk ... (Verbindungsaufnahme mit anderen Kräften)


Fazit
Das F.A.S.T.T.T.T.-Protokoll sollte nach Möglichkeit in jedes praxisorientierte Schießtraining integriert werden. In jedem Falle aber sollte sich der Schütze selbst dazu erziehen, seine Schießübung nicht mit dem letzten Schuss als beendet zu betrachten. Zumindest sollte eine Trefferauswertung, eine Umfeldbeobachtung sowie das taktische Nachladen durchgeführt werden.
Bei regelmäßiger Teilnahme an IPSC-Wettkämpfen besteht die Gefahr, genau diese Elemente zu vernachlässigen.

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