Dienstag, 4. August 2020

Gewehrkonzepte (5): Jeff Cooper’s Scout Rifle

Kannst du nur ein Gewehr besitzen, dann muss es ein Scout Rifle sein. Diesem Grundgedanken der Legende Jeff Cooper folgt ein viel diskutiertes Gewehrkonzept



Von Christian Väth

Die Idee ein Gewehr zu führen, das für jede Situation und Entfernung geeignet ist, scheint so alt wie die Waffentechnik zu sein. Ein leichtes Universalgewehr mit akzeptabler Reichweite und langer Lebensdauer ist technisch in vielerlei Hinsicht möglich. Der Vater der vier Sicherheitsregeln hatte aufgrund dieser Möglichkeiten die Vision eines Jedermann-Gewehrs. Leistungsstark, einfach zu warten & handhaben, präzise, zuverlässig, leicht und günstig sollte es sein. Das eine Gewehr, das man haben sollte. Oder nach einem Originalzitat: „If a job cannot be done by a scout rifle […], the only thing to fall back on is a tank.“. 


Auf der Gunsite Ranch wurde eine ganze Reihe Versuchswaffen konfiguriert: Besonders bekannt ist dieses Scout II „Sweetheart“ – es diente als Basis für die Steyr-Konstrukteure (Foto: Gunsite Academy)

Taktisches Problem
Nach Cooper sollte das Universalgewehr des freien Bürgers gleichermaßen für Jagd, Selbstverteidigung und Training geeignet sein. Dabei betonte er immer wieder, wie wichtig geringes Gewicht und kompakte Abmessungen seien, um die Waffe mit möglichst geringer Anstrengung über lange Zeiträume tragen zu können. Der schnelle und präzise Erstschusstreffer spielte in diesem Anwendungsspektrum eine herausragende Rolle. Neben diesen Merkmalen machte der ehemalige Marineinfanterieoffizier stets auf das „System“ Scout aufmerksam, dass neben dem Gewehr auch den Schützen mit einbezog. Er sollte neben einer solchen Waffe vor allem bestimmte Fähigkeiten besitzen, die über die reine Schießausbildung hinausgingen: So zum Beispiel Geländebeurteilung, Orientierung und Beobachtung. 


Eine Eisenvisierung gehört genauso zu den Kernmerkmalen dieses Gewehrkonzeptes wie der freie Zugriff auf den Verschluss (Foto: Richard Mann)

Konzeptentwicklung
In Ausgabe 52 wurde mit dem Karabiner bereits ein Kompaktgewehrtyp behandelt. Aufgrund ihrer kürzeren Lauflänge bezeichnete der Altmeister diese Waffen auch als „reduced rifles“. Sie dienten als Ausgangspunkt für seine Scout-Idee. Im Gegensatz zu vielen anderen Gewehrkonzepten war der Ansatz des Scout Rifle nie an irgendwelche Behördenanforderungen gebunden. Vielmehr sollte es die eine Waffe für den ländlich lebenden freien Mann sein – der „American Dream“ unter den Gewehren. Dieser Herkunft entsprechend sollte es schnelle Erstschusstreffer in einem großen Entfernungsbereich ermöglichen, schnelle Schussfolgen hingegen waren irrelevant: „You may need single hits not volume fire.“. Im Dezember 1983 hielt Cooper auf seiner Gunsite Ranch die erste Scout Rifle Conference mit einem erlesenen Ausbilderkreis ab. Das Ergebnis waren die ersten Parameter für ein solches Universalgewehr. Das Gewicht sollte drei Kilogramm (6.6 pounds) und die Länge einen Meter (39.4 inches) nicht übersteigen. Die Gewichtsangabe bezieht sich auf das komplette, aber ungeladene Waffensystem. Ein Zielfernrohr mit geringer Vergrößerung sollte vor der Magazinaufnahme so niedrig wie möglich montiert werden. Das Kaliber wurde mit .308 Winchester angegeben. Als Funktionsprinzip war und ist das Repetiergewehr unumgänglich, vorzugsweise mit einem Mauser-System. Ein synthetischer Schaft sollte für Langlebigkeit und eine Gewichtsreduzierung sorgen. Das Gewehr durfte keine reflektierenden Teile aufweisen. Dies sind alle Faktoren, die 1983 festgelegt wurden. Es folgten weitere Konferenzen mit wechselnder Zusammensetzung und teilweise zweifelhaften Forderungen (zum Beispiel Zweibein). Auch Cooper widersprach sich in Details über die Jahre selbst. Da es sich bei diesem Gewehrkonzept schon immer mehr um ein Ideal als ein existierendes Produkt handelte, sind auch die Aussagen der Legende nicht als heilige Predigten zu sehen. Er bezeichnete sein Gewichts- und Größenlimit der Waffe selbst als „point of departure“ - ein Ausgangspunkt für weitere Entwicklungen. Die Konferenzen finden bis heute statt und werden von zahlreichen Größen der Schießausbildung frequentiert. 


Mossberg fertigt auf der Grundlage des MVP Patrol Rifle das MVP Scout – auch Ruger, Savage Arms und Remington haben Interpretationen im Portfolio (Foto: Eric Conn)

Technik
Jeff Cooper favorisierte robuste Zielfernrohre mit vergleichsweise geringer Vergrößerung. Diese wurden aus zwei Gründen weit vorne montiert: Zum einen konnte die Waffe so einfach im Bereich des Verschlusses gegriffen und lange getragen werden - auch ohne Trageriemen. Zum anderen bricht diese Positionierung den üblichen Tunnelblick beim Schießen mit Zielfernrohren auf und ermöglicht es dem Schützen, mit beiden Augen geöffnet zu feuern. Zusätzlich sollte immer eine Eisenvisierung vorhanden sein, um dem universellen Charakter des Gewehres Rechnung zu tragen. Neben der traditionell gewählten Patrone .308 Winchester, ist heutzutage ein System in 6,5 Millimeter Creedmoor mit all seinen Vorteilen eine sehr sinnvolle Option. Das erste „serienmäßig“ gefertigte Scout Rifle war und ist das Mannlicher Scout von Steyr. Im Dezember 1990 besuchte Ulrich Zedrosser, Chief of Design bei Steyr-Mannlicher, Jeff Cooper’s Gunsite-Komplex. Dort beobachtete er die Gewehrkurse und begutachtete die bisherigen Eigenbauansätze. Erst sieben Jahre später ging die realisierte Steyr-Interpretation des Konzeptes in die Produktion. Vor allem mit Beginn der 2000er Jahre folgten weitere Hersteller – hier ist vor allem das Ruger GSR (Gunsite Scout Rifle) hervorzuheben. Dieses Gewehr wurde in verschiedenen Waffenkulturausgaben bereits beschrieben (Ausgaben Nr. 1, 19 und 39). Mit sinkenden Preisen und steigender Zuverlässigkeit kam auch die Frage auf, ob ein Halbautomat ebenfalls ein Scout Rifle sein kann. Die Einfachheit und geringe Störanfälligkeit des Repetierers und das naturgemäß höhere Gewicht eines Selbstladers in der vorgesehenen Kalibergruppe schließen diese Möglichkeit allerdings aus.

Auf der Gunsite Ranch wurde eine ganze Reihe Versuchswaffen konfiguriert: Besonders bekannt ist dieses Scout II „Sweetheart“ – es diente als Basis für die Steyr-Konstrukteure (Foto: Gunsite Academy)

Der Scout-Test
Richard Mann entwickelte eine Übungskombination, in denen der Schütze Anforderungen abrufen muss, die Jeff Cooper über die Jahre definiert hat. Fortgeschrittene Anwender können so ihr Gewehr auf die Tauglichkeit als Scout Rifle überprüfen. Die Übungen sind als Experiment zu sehen, nicht als Wettkampf. Der gesamte Ablauf wird dreimal wiederholt, um eine gewisse Vergleichbarkeit zu erreichen. Als Zielmedium für alle Teilübungen dient ein Kreis mit 15 Zentimetern Durchmesser. Die Ergebnisse werden notiert. 

1.) Snap Shot: Aus der Bereitschaftsposition Low Ready werden so schnell wie möglich drei Treffer im Ziel platziert (25 Meter, Ziel: Kreis mit 15 Zentimetern Durchmesser). Um die Anforderungen von Cooper zu erfüllen muss der erste Treffer nach 1,5 Sekunden sitzen. Drei Wiederholungen. 

2.) Worst Case: Der Schütze steht auf 45 Metern (50 yards) Entfernung zum Ziel mit seinem Gewehr in einer Hand und einer Patrone in der Hand in Bereitschaft. Magazine dürfen nicht genutzt werden. Anstatt des Zielfernrohres muss die Eisenvisierung genutzt werden. Mit Übungsbeginn kniet oder hockt der Schütze sich hin, lädt seine Patrone und schießt. Drei Wiederholungen. 

3.) Shoot and Load: Der Schütze befindet sich 69 Meter (75 yards) von seinem Ziel entfernt und wechselt mit Übungsbeginn aus dem Stand in die Schießposition Sitzend geschlossen. Er gibt einen Schuss ab und lädt nach. Dabei ist ihm freigestellt, ob er ein neues Magazin einführt oder eine einzelne Patrone lädt. Danach gibt er einen zweiten Schuss ab. Drei Wiederholungen. 

4.) Prone Precision: Der Schütze steht in 91 Metern Entfernung (100 yards) zum Ziel. Für diese Teilübung wird in eine liegende Schießposition gewechselt und ein Schuss abgegeben. Drei Wiederholungen. 

Wer den gesamten Test wie vorgesehen dreimal wiederholt (neun Wiederholungen je Teilübung) benötigt 63 Patronen. Der Übungsablauf ist bewusst nicht auf größere Entfernungen gestaltet, um ihn für die breite Masse der Anwender auch durchführbar zu machen. Wer seine Fähigkeiten mit verschiedenen Gewehren vergleichen will, kann die Zeit für jede Teilübung addieren. Jeder Fehlschuss entspricht einer Strafzeit von zehn Sekunden. Die daraus resultierende Gesamtzeit dient als Vergleichswert für die Leistungsmöglichkeiten des Schützen mit diesem Gewehr. Der Test fordert den Schützen in den Bereichen Treffen (vier Grundfertigkeiten) und Handhabung (effiziente Schießtechnik).

Das Mannlicher Scout ist der Vorreiter unter den kommerziellen Scout Gewehren und überzeugte auch Cooper (Foto: Richard Mann)


Fazit
Die Essenz eines Scout Rifle ist seine leichte Handhabbarkeit aufgrund des reduzierten Gewichts. Es kann alles leisten, was ein Standardgewehr vermag, ist dabei jedoch leichter und kompakter. Wer denkt, Gewicht sei ein nachrangiger Faktor, der hat schlicht noch nicht lange genug mit einem geladenen Gewehr gelebt. Das letzte Wort überlassen wir dem Altmeister selbst und zitieren aus seinen persönlichen Aufzeichnungen (1998): 

1. The most important thing about the scout is that it is a general-purpose rifle.

2. The most outstanding characteristic is handiness.

3. It is light, compact and friendly.

4. It will put ‘em where you point ‘em from arm’s length out to a range for any sensible attempt.

5. The essential characteristics of the scout rifle are compactness and what may be called shootability.

6. It is easy to carry, convenient to pack into a boat, car or airplane, powerful enough for any targets short of pachyderms, and easily provisioned throughout the world.

7. It is ideally adapted to the snapshot, and quite able to group well into the vital zone of a 200-pound target out to around 400 paces under field conditions. 

8. When it comes to kicking and climbing, and running and jumoing, leaping in and out of hunting cars, and quick selection of position, the scout begins to shine.“ 

Literaturempfehlung
The Scout Rifle Study von Richard Mann, ISBN 978-1983512544, ca. 38 Euro 



Gewehrkonzepte (1): Mk 12 Special Purpose Rifle

Gewehrkonzepte (2): Infantry Automatic Rifle 

Gewehrkonzepte (3): Anti-Material-Gewehr 

Gewehrkonzepte (4): Der Karabiner

Gewehrkonzepte (5): Cooper’s Scout Rifle

Gewehrkonzepte (6): Die Panzerbüchse

Gewehrkonzepte (7): Long Rifle

Gewehrkonzepte (8): Liberty Training Rifle

Gewehrkonzepte (9): Das Sturmgewehr


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