Freitag, 26. März 2021

Gewehrmunition .375 SWISS P

 

Die erste Kaliber-Eigenentwicklung des RUAG Konzerns trägt die Bezeichnung .375 SWISS P. Die neue Patrone wurde Ende März 2021 nach mehrjähriger Entwicklungszeit der Öffentlichkeit präsentiert. Dieser Beitrag erklärt Idee und Zweck des außergewöhnlichen Long Range Riesen



Das Geschoss wurde auf einen günstigen
ballistischen Koeffizienten hin konstruiert
(Foto: Hersteller)



Ausgangsidee: .338 LM
Das Kaliber .338 Lapua Magnum hat sich seit vielen Jahren im militärischen Scharfschützenwesen international etabliert. Sofern überhaupt Kritik an dieser leistungsstarken Patrone laut wird, dann betrifft das meistens den relativ geringen Energietransport über eine größere Reichweite jenseits der eintausend Meter.
Um mehr Energie ins Ziel transportieren zu können, nutzen Scharfschützen seit drei Dekaden das Kaliber .50 BMG. Allerdings sind dabei zwei gravierende Nachteile nicht von der Hand zu weisen: Die Eigenpräzision der Munition entspricht meist nicht dem selbstauferlegtem Standard der Scharfschützen. Zum anderen haben Waffensysteme im Kaliber .50 BMG ein Eigengewicht, welches die Mobilität des Scharfschützentrupps deutlich einschränkt.

Temporäre Alternative: .408 CT
Einige Militärs suchten nach Wegen, die Eigenpräzision zu steigern, ohne dabei nennenswerte Energieverluste in Kauf nehmen zu müssen. Das Kaliber .408 CheyTac schien in den letzten Jahren dafür die Goldene Lösung zu sein. Allerdings konnte diese Patrone wiederum auch nur aus modifizierten .50-BMG-Systemen verschossen werden. Wodurch sich das Waffengewicht nicht reduzieren ließ. Darüber hinaus finden derartige, aus dem zivilen Bereich adaptierte, Wild Cat Ladungen bestenfalls Einzug in militärische Spezialeinheiten. Eine querschnittliche behördliche Verwendung wird absehbar nicht stattfinden.


(Foto: Hersteller)



Wirkliche Alternative: .375
Militärische Beschaffer sprechen in diesem Fall gern von einer „Fähigkeitslücke“. Diese ergäbe sich demnach im Distanzbereich, für den eine .338 Lapua Magnum zu leistungsschwach wäre; eine .50 BMG aber zu schwer oder zu wenig präzise. Eine Alternative wäre die Kalibergruppe .375.
Das Kaliber .375 ließe sich auch aus bereits existierenden Waffensystemen verschießen, deren Eigengewicht deutlich unter acht Kilogramm liegt. Es bringt aber dennoch Mündungsenergien von mehr als achttausend Joule zu Stande und fliegt bis zu 1.600 Meter mit Überschall.
Ein bekannter Vertreter dieser Gruppe ist das Kaliber .375 CheyTac. Die .375 CT ist bei einigen privaten Long Range Enthusiasten in Gebrauch. Damit ist sie zwar während der letzten fünf Jahre im zivilen Bereich angekommen, breitflächig etabliert hat sie sich aber keineswegs. Darüber hinaus hat die internationale Normungs- und Prüfungskommission für Handfeuerwaffen und Munition (C.I.P.) das Kaliber .375 CT aus dem Programm genommen.
Die Gründe, die gegen eine behördliche Verwendung der .375 CheyTac sprechen, sind die gleichen, wie bei der .408 Chey Tac. Die .375 CT ist industriell gefertigt nicht verfügbar. Es existieren weder Fertigungsstrecken, die eine massenweise industrielle Herstellung zuließen. Noch ist es machbar, ein LOS mit absolut identischen Parametern nachzubestellen. Von Cheyenne Tactical gibt es auch keine Verpackungen, die behördlichen Anforderungen für Transport oder Lagerung entsprächen. Hierbei geht es auch um Aspekte der Fallsicherheit und Feuerfestigkeit sowie um eine Lagerfähigkeit jenseits der zehn Jahre. Von amerikanischer Seite scheint auch keine Inspiration zu bestehen, das zu ändern.


Die Abmessungen unterscheiden sich nur geringfügig
von einer .338 Lapua Magnum (Foto: Hersteller)



Resultat: .375 SWISS P
Die Fähigkeit, behördlichen Ansprüchen in allen Belangen zu genügen, kann nur durch Konzerne mit entsprechender Produktionstiefe erreicht werden. RUAG ist so gesehen nicht nur ein Munitionshersteller, sondern garantiert auch entsprechende Liefermengen bei gleichbleibender Qualität.
Die Neuentwicklung .375 SWISS P entspricht mit ihren Abmessungen 9,5 x 70 Millimeter annähernd einer .338 Lapua Magnum. Die Mutterpatrone der Hülse ist eine .500 Jeffery.
Das Vollmantelgeschoss hat ein Gewicht von 350 gr. (22,7 Gramm) und besitzt einen G1-Koeffizient von 0,8014. Das Gesamtgewicht einer Patrone liegt bei 52 Gramm.

Leistung satt
Aus einem 76-cm-Lauf entwickelt das Projektil nach Herstellerangaben eine Anfangsgeschwindigkeit von 865 Meter pro Sekunde und eine Mündungsenergie von fast 8.500 Joule. Das bedeutet 40 Prozent mehr Mündungsenergie als bei einer .338 Lapua Magnum. Das Leistungsgewicht von 1.200 Joule Mündungsenergie pro Kilogramm Waffengewicht entspricht damit annähernd dem eines .50 BMG Anti-Materialgewehrs.


Die Einsatzschussdistanz erhöht sich im Vergleich
zur .338 LM um beachtliche 25 Prozent (Foto: Hersteller)




.375 SWISS P Geschoss
Das Geschoss der .375 SWISS P wurde ballistisch optimiert. In der Geschossspitze sitzt eine Metallkugel, die dort ein Leervolumen bildet und zudem eine geringere Dichte als der Kern aus Blei aufweist. Dadurch wurde es möglich, den ballistischen Koeffizienten des Vollmantelgeschosses im Vergleich zu einem klassischen Long Range-Matchgeschoss mit Hohlspitze und Torpedoheck (HPBT - Hollow Point Boat Tail) zu verbessern. Im direkten Vergleich zu einer .338 LM hat es auf seiner Flugbahn weniger Geschwindigkeitsverlust, was zu einer sog. super-sonic Reichweite von 1.600 Metern führt. Was wiederum gleichbedeutend ist mit mehr Restenergie im Ziel. Die Einsatzschussdistanz erhöht sich im Vergleich zur .338 LM um beachtliche 25 Prozent.
Eine derzeit noch in Entwicklung befindliche Hartkern-Variante (AP - Armour Piercing) des Projektils wird Herstellerangaben zu Folge die doppelte Leistung einer .338 Lapua Magnum AP entwickeln.
Das .375 Swiss P AP-Geschoss wird einen Kern aus einer Wolframkarbid- und Cobalt-Legierung haben, einen geschlossenen Boden sowie eine offene Geschossspitze. Diese Konstruktion ist auf Maximalpenetration von Hartzielen ausgelegt. Das Hartkerngeschoss soll eine Schutzweste der Klasse SK4 unter Normbedingungen bis auf 600 Meter sicher zu durchschlagen können.

 




.375 SWISS P Waffensysteme

Marktfähige Waffensysteme im Kaliber .375 SWISS P herzustellen, dürfte in Anbetracht der zahlreichen Multi-Kaliber Gewehre keine nennenswerte Hürde darstellen. Basiswaffen im Kaliber .338 Lapua Magnum benötigen für die Kaliberkonvertierung lediglich einen Laufwechsel. Verschluss- und Magazintausch sind nicht erforderlich.


Technische Daten
Projektil: Vollmantel, 22,7 Gramm
Ballistischer Koeffizient G1: 0,8014
Zündhütchen: SINOXID
Gesamtgewicht: 52 Gramm
term of reference: CIP
Druck: max. 4.200 bar (bei 21°C)
Mündungsgeschwindigkeit: 865 m/s (762 mm Lauf)
Mündungsenergie: 8.492 J
Präzision auf 300 Meter: Sa ≤  26 mm

Service
https://www.swiss-p.com/en/

Mehr dazu ab dem 30. März 2021 in Die Waffenkultur


Samstag, 6. März 2021

Mk22: Barrett MRAD (Multi-Role Adaptive Design)

 

Das Barrett MRAD wurde kürzlich als neues Scharfschützengewehr der US-Streitkräfte auserkoren. Dass es aufgrund dessen allen taktischen Anforderungen des modernen Scharfschützenwesens genügen und technologisch auf dem allerneusten Stand sein dürfte, macht die Waffe natürlich interessant. Überdies ist sie auch für Privatleute erhältlich

(Alle Fotos: Hersteller)


Das Modell MRAD von Barrett wurde auf der SHOT Show 2011 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Im Grunde basiert die Waffe auf dem Barrett Modell 98B aus dem Jahr 1997. Das Modell MRAD jedoch ist das unmittelbare Resultat einer Ausschreibung der US-Streitkräfte unter dem Precision Sniper Rifle Programm (PSR), welches schon im Jahr 2008 gestartet und seither ständig weiterentwickelt wurde. Das Barrett wird seit dem Jahr 2020 als Mk22 bei der U.S. Army und den U.S. Marines eingeführt und soll dort alle anderen noch vorhandenen Scharfschützengewehrmodelle ersetzen.

 

(Foto: Hersteller)


Barrett MRAD
Das MRAD (Multi-Role Adaptive Design) ist als Repetiergewehr ausgeführt und besitzt eine Multi-Kaliber Option. Derzeit stehen Wechselsysteme für folgende Kaliber zur Verfügung:
.338 Lapua Magnum
.338 Norma Magnum
.300 Winchester Magnum
.308 Winchester
6.5 Creedmoor
.300 Norma und
.300 PRC

 

Das Barrett MRAD, wie es als Scharfschützengewehr Mk22 in
den US-Streitkräften eingeführt wird (Foto: Hersteller)


Während das Kaliber .308 Winchester und auch die .300 Win Mag im modernen Scharfschützenwesen künftig kaum mehr eine tragende Rolle spielen dürften, setzen die US-Scharfschützen auf Neuentwicklungen der letzten zwei Dekaden, wie die 6.5 Creedmoor und die .338 Norma Magnum. Interessant ist auch, dass sich die US-Scharfschützen mit ihrem PSR Programm ausdrücklich die Option auf das relativ neue und noch wenig verbreitete Kaliber .300 Precision Rifle Cartridge (PRC) offen halten. Für den privaten Endanwender kann das nur vorteilhaft sein. Durch die massive militärische Nutzung ist eine breitere Palette an Laborierungen ebenso zu erwarten, wie günstigere Einkaufspreise der momentan noch relativ teuren und neuen Long Range Kaliber.

 

Das Obergehäuse ist ein Aluminium-Monolith inklusive einer
MIL-STD M 1913 Picatinny Rail mit 10 Mil Vorneigung (Foto: Hersteller)


Gehäuse
Das Obergehäuse ist als Monolith inklusive einer MIL-STD M 1913 Picatinny Rail aus Aluminium gefräst. Die Picatinnyschiene besitzt eine Vorneigung von zehn Mil (nicht MOA!). Der Vorderschaft besitzt keine Rails an den Seiten oder unterhalb. Kann aber bei Bedarf mit solchen ausgestattet werden.
Das Untergehäuse kann, ähnlich wie bei AR-typischen Selbstladegewehren, über einen Pivot Pin abgeklappt oder auch ganz entfernt werden.
Der Pistolengriff ist identisch zum AR, ebenso wie die Sicherung, welche ambidexter gewechselt werden kann.

 



Verschluss
Der Verschluss des MRAD läuft in einer Kunststoffbuchse. Konstruktiv soll dieses Merkmal die Störanfälligkeit auch unter widrigsten Umweltbedingungen gering halten und gleichzeitig die Reinigung erleichtern. Verschluss und Kunststoffbuchse lassen sich zum Reinigen nach hinten entnehmen. Ebenfalls ein Arbeitsablauf, den jeder AR-Besitzer beherrscht.

 

 

Der Verschluss läuft in einer Kunststoffbuchse, was Störanfälligkeit
verringert und die Reinigung erleichtert (Foto: Hersteller)



Abzug
Ein Wechsel der Abzugseinheit ist problemlos möglich und kann von jedem Anwender auch unter feldmäßigen Bedingungen durchgeführt werden. Dazu muss lediglich das Untergehäuse vom Obergehäuse getrennt und der Sicherungsflügel entfernt werden. Die Abzugsgruppe kann daraufhin nach oben entnommen werden. Selbstverständlich ist das Abzugsgewicht individuell anpassbar.

 

Die Magazine sind kaliberentsprechend vier Gruppen unterteilt
und mit Buchstaben gekennzeichnet. Darüber hinaus besitzen sie
zur haptischen Identifikation frontseitig eine unterschiedliche
Anzahl von Rippen


Laufwechsel
Als Multi-Role Adaptive Design Konzept verfügt die Barrett natürlich über die Option des schnellen Laufwechsels. Die Ausführung MRAD SMR hat diese Option allerdings ausdrücklich nicht.
Zum Laufwechsel müssen lediglich zwei T30-Torx-Schrauben gelöst werden. Der Lauf kann dann nach vorn entnommen und getauscht werden. Die beiden T30-Torx sollen nach Herstellerangabe mit einem Drehmoment von etwa 16 Newtonmeter angezogen werden.
Wird ein Lauf getauscht, muss auch der Verschlusskopf kaliberentsprechend getauscht werden. Werkzeug ist dafür nicht erforderlich. Lauf, als auch Verschlusskopf, besitzen entsprechende Kalibergravuren. Die zugehörigen Magazine sind in vier Gruppen unterteilt, welche durch die Buchstaben A / B / C und D gekennzeichnet sind. Darüber hinaus besitzen die Magazine frontseitig eine unterschiedliche Anzahl von Rippen (6 Rippen bzw. 4 oder 3), an denen das jeweilige Kaliber ebenso gut haptisch identifiziert werden kann.

 

Wird der Schaft an die rechte Waffenseite angeklappt, sichert
er gleichzeitig den Repetierhebel gegen unbeabsichtigtes Öffnen
(Foto: Hersteller)

Die Schaftbacke lässt sich stufenlos und
ohne Werkzeug höhenverstellen (Foto: Hersteller)
 


Hinterschaft
Der Hinterschaft ist ohne Werkzeug höhen- und längenverstellbar. Wird er an die rechte Waffenseite abgeklappt, sichert er gleichzeitig den Repetierhebel gegen unbeabsichtigtes Öffnen oder Beschädigung.

 

Trotz Multi-Kaliber Option besteht das Barrett MRAD
aus gerade einmal 78 Einzelteilen (Foto: Hersteller)

 

Fazit
Einfachheit und Robustheit gehören zu den konzeptionellen Anforderungen an moderne Infanteriewaffen. Das Barrett MRAD ist absolut anwenderfreundlich. Alle Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten können durch den Anwender selbst ausgeführt werden. Die Waffe besitzt gerade einmal 78 Einzelteile und lässt sich ohne Werkzeug komplett zerlegen. Lediglich für den Laufwechsel ist ein Torx-T30 Drehmomentschlüssel erforderlich.


Service
https://barrett.net/products/firearms/mrad-mk22/ 

Technische Daten
Modell: Barrett MRAD
Hersteller: Barrett Firearms, Tennessee, USA
Waffenart: Repetierer
Kaliber: Multi-Kaliber
Lauflänge: 51 bis 69 Zentimeter
Magazinkapazität: 10 Schuss
Gesamtlänge: 108 bis 125 Zentimeter
Gewicht: 6,3 bis 6,9 Kilogramm
Dienstliche Nutzung US-Streitkräfte: 2020 bis heute

Mehr dazu in Waffenkultur Nr. 57 ab dem 30. März 2021


Freitag, 5. März 2021

Das Precision Sniper Rifle Programm

 

Die US-amerikanischen Streitkräfte bekommen ein neues Scharfschützengewehr. Die Wahl fiel auf das MRAD (Multi-Role Adaptive Design) von Barrett Firearms. Die Waffe wird als Mk22 ASR (Advanced Sniper Rifle) eingeführt und soll in den kommenden fünf Jahren alle anderen Scharfschützengewehre ersetzen

(Foto: Hersteller)



PSR Programm
Die Entscheidung zugunsten des Barrett MRAD ist nicht neu, sondern wurde schon im März 2019 getroffen. Ausgangslage für diese Entwicklung war das Precision Sniper Rifle (PSR) Programm des U.S. Special Operations Command (USSOCOM) vom Mai 2008. Ziel des PSR Programmes war und ist es, erkannte taktische und operative Defizite in der Bewaffnung US-amerikanischer Scharfschützen abzustellen. Tag- und Nacht-Optiken sowie Signaturverzerrer sollten durch das Programm vereinheitlicht werden. Ebenso stand die Entwicklung neuer Munitionssorten für Scharfschützen zur Debatte. Nicht zuletzt sollten die neuen Waffensysteme eine größere Einsatzschussdistanz bedienen und die Counter-Sniper Fähigkeiten der eigenen Scharfschützentrupps erhöhen. Im Grunde laufen im PSR Programm die Erfahrungen zusammen, welche die US-Amerikaner in den weltweiten bewaffneten Konflikten der letzten 20 Jahre sammeln konnten.

Anforderungen
In einer ersten Version des PSR Programms aus dem Jahr 2008 wurden zehn technische Anforderungen an die Waffe definiert:
1) Fabrikmunition im Kaliber .338 („non-wildcat“ Laborierung)
2) Mehrladegewehr (kein Selbstlader)
3) Streuung maximal eine Bogenminute von 300 Meter bis 1.500 Meter
4) Störungsfreie Funktion für mindestens eintausend Schuss (pro Magazin)
5) Maximallänge (ohne Signaturverzerrer) von 132 Zentimeter
6) Maximallänge einer Baugruppe von 101 Zentimeter
7) Maximalgewicht von 8,2 Kilogramm
8) Durchgehende MIL-STD-1913 Schiene auf dem Obergehäuse
9) Zerlegbarkeit durch den Schützen in weniger als zwei Minuten
10) Keine Treffpunktverlagerung nach dem Zerlegen oder beim Bewegen unter Gefechtsbedingungen

Ursprünglich nahmen sechs Firmen an der Ausschreibung teil: SIG Sauer mit dem Blaser Tactical 2; McMillan mit dem TAC-338; Beretta USA mit dem Sako TRG-42 und Desert Tactical mit einem Stealth Recon Scout in .338. Zu den eingereichten Waffen der Firmen GemTech und Pierce Engineering liegen keine Informationen vor.



Das M107 (Barrett M82) im Kaliber .50 BMG ist im Scharfschützenwesen
eine Klasse für sich. Mit der Einführung des Barrett MRAD dürfte auch
dieses Anti-Material-Gewehr kurz- bis mittelfristig außer Dienst gestellt werden
(Foto: Hersteller)



Neue Anforderungen in 2009
Im Jahr 2009 wurden zwei der insgesamt zehn Anforderungen geändert. Die Ausschreibung legte sich nicht mehr nur auf die Kaliberklasse .338 fest, sondern beschrieb das Kaliber weitgefasster als industriell gefertigte, „non-wildcat“ Handfeuerwaffenmunition nach SAAMI oder CIP Standard.
Außerdem erweiterte sich die Einschränkung „Mehrladegewehr“ auf Mehrlader oder Gasdrucklader; allerdings in sowohl Rechtshand- als auch Linkshandausführung.
Die überarbeitete Version von 2009 definierte erstmalig auch taktische Anforderungen an das neue Waffensystem. Danach musste die Scharfschützenwaffe in der Lage sein, mit einen oder mehreren Schuss Mannziele auf 1.500 Meter zu treffen sowie auf 750 Meter eine Level-3 Schutzweste zu durchschlagen. Ebenso wurde festgelegt, dass auch die schweren Scharfschützenwaffen, wie die Barrett M82, im Zuge der Neueinführung ersetzt werden sollten.



Das M2010 Enhanced Sniper Rifle war eine Zwischenlösung auf Basis der
bewährten M24 Scharfschützengewehre, welche wiederum auf einer
Remington 700 basierten (Foto: Hersteller)




Weitere Änderungen in 2011
Nach weiteren Änderungen der Ausschreibung in 2011, nahmen noch folgende Firmen teil: Armalite, Barrett Firearms, Beretta USA, Cheytac, FNH USA, Remington Arms und Steyr Arms.
Quantitativ wurde die Anzahl der zu beschaffenden Waffensystem auf 5.150 Stück beziffert sowie auf 10,3 Millionen Patronen.
Am siebten März 2013 erhielt der Hersteller Remington den Zuschlag für sein Remington Modular Sniper Rifle System (Remington MSR) Die Auftragsmenge umfasste 5.150 Waffen und 4,7 Millionen Schuss Munition. In der letzten Runde dieser Ausschreibung war der einzig verbliebene Konkurrent das TRG M10 von Sako.



Mit dem Mk21 MSR wurden seit 2013 viele Anforderungen des PSR Programms
umgesetzt. Dennoch werden auch diese Waffen in Kürze außer Dienst gestellt
(Foto: Hersteller)




Mk21 MSR (Modular Sniper Rifle)
Die Remington MSR wurde ab 2013 unter der Bezeichnung Mk21 Modular Sniper Rifle bei der U.S. Army eingeführt. Jedoch zeigte sich, dass die Waffe nicht in allen Belangen der zwischenzeitlich vom PSR zum ASR (Advanced Sniper Rifle) Programm weiterentwickelten Ausschreibung entsprach. Das U.S. SOCOM eröffnete den Wettbewerb um ein neues Scharfschützengewehr daher im Jahr 2018 erneut. Im Resultat erhielt der Hersteller Barrett Firearms aus Tennessee im März 2019 den Zuschlag für sein Barrett MRAD.



Das Mk22 ASR ist die neue Waffe für U.S. Army und U.S. Marines.
Einfach, robust und Multi-Kaliber fähig. Die US-Streitkräfte streben eine
deutliche Vereinheitlichung ihrer Sniper- und Long Range Kompetenzen an
(Foto: Barrett Firearms)




Mk22 ASR (Advanced Sniper Rifle)
Die U.S. Army orderte in einer ersten Charge 357 Stück, wird jedoch nach neusten Meldungen bis Ende 2021 insgesamt über 500 Barrett MRAD beschaffen.
Beabsichtigt ist, die Waffe unter der Bezeichnung Mk22 ASR (Advanced Sniper Rifle) und in den Kalibern .308 Win. / .300 Norma Magnum und .338 Norma Magnum einzuführen. Ein Umrüsten auf die Kaliber 6.5 Creedmoor und .300 PRC ist aber ebenso möglich, wie auf die ältere und weit verbreitete .300 Win Mag.
Neben der U.S. Army wird auch das U.S. Marine Corps die Barrett MRAD Scharfschützengewehre beschaffen. Geplant sind derzeit mindestens 250 Stück. Das Ziel ist, bis 2024 alle anderen Sniper Waffensysteme zu ersetzen. Dazu zählen: Die M107 (Barrett M82 im Kaliber .50BMG), die M2010 Enhanced Sniper Rifle (stark modifizierte Remington M24 im Kaliber .300 Win Mag) und die Mk21 MSR (welche seit März 2013 eingeführt wurde).

Evolutionary Acquisition Programm
Das Precision Sniper Rifle Programm ist ein Beispiel für modernes Beschaffungswesen beim Militär. Operative Gegebenheiten auf dem modernen Schlachtfeld können sich ändern. Und tun das erfahrungsgemäß mittlerweile auch im Rhythmus einer Dekade. Anforderungen, die in einer zehn Jahre alten Ausschreibung definiert wurden, können obsolet werden oder müssen einer Anpassung unterzogen werden. Hinzu kommt die technologische Weiterentwicklung im Waffenbau, die in den vergangenen 20 Jahren geradezu sprunghaft verlaufen ist.
Bei einem „Evolutionary Acquisition“ Programm werden neue Fähigkeits- und Systemanforderungen schrittweise definiert. Wobei ein ständiger Rücklauf durch Nutzer-Erfahrungen gegeben sein muss. Das Ziel ist es, dem Anwender zwar schnell ein Produkt zur Verfügung zu stellen, aber dennoch flexibel auf künftige Anpassungen reagieren zu können.

Technische Daten
Modell: M107 (Barrett M82)
Hersteller: Barrett Firearms, Tennessee, USA
Waffenart: Halbautomat
Kaliber: .50 BMG (12,7 x 99)
Lauflänge: 51 bis 74 Zentimeter
Magazinkapazität: 5 oder 10 Schuss
Gesamtlänge: 120 bis 140 Zentimeter
Gewicht: etwa 14 Kilogramm
Dienstliche Nutzung US-Streitkräfte: 1989 bis heute


Technische Daten
Modell: M2010 Enhanced Sniper Rifle
Hersteller: Remington Arms, North Carolina, USA
Waffenart: Repetierer
Kaliber: .300 Winchester Magnum (7,62 x 67)
Lauflänge: 61 Zentimeter
Magazinkapazität: 5 Schuss
Gesamtlänge: 118 Zentimeter
Gewicht: etwa 5,5 Kilogramm
Dienstliche Nutzung US-Streitkräfte: 2011 bis 2021


Technische Daten
Modell: Mk21 Modular Sniper Rifle
Hersteller: Remington Arms, North Carolina, USA
Waffenart: Repetierer
Kaliber: Multi-Kaliber
Lauflänge: 51 bis 69 Zentimeter
Magazinkapazität: 5 bis 10 Schuss
Gesamtlänge: 91 bis 120 Zentimeter
Gewicht: etwa 5,9 Kilogramm
Dienstliche Nutzung US-Streitkräfte: 2013 bis 2021

Mehr dazu in Waffenkultur Nr. 57 ab dem 30. März 2021


Dienstag, 2. März 2021

Snowfall Long Gaiters®: Gamaschen von Helikon-Tex

 

Preußische Grenadiere trugen sie in Weiß mit seitlichen Knöpfen. Sie hatten nicht nur eine Schutzfunktion, sondern waren zugleich Uniform- und Modeaccessoire. Heutzutage sind Gamaschen aus Funktionstextilien gefertigt und werden schon lange nicht mehr nur von Soldaten getragen



Wie nützlich ein Ausrüstungsgegenstand sein kann, merkt man manchmal erst, wenn er nicht vorhanden ist. Bei Regenwetter einen Tag in freier Natur zu verbringen oder auch nur über eine nasse Wiese mit kniehohem Gras laufen zu müssen, weckt schnell den Wunsch nach einem Paar Gamaschen. Dieses Kleidungsstück; je nach Region auch als Beinling oder Stulpen bezeichnet; wird als äußere Schicht über den Hosen getragen. Der Beinling schützt somit nicht nur vor Nässe oder Schnee, sondern bringt durch die zusätzliche Isolationschicht auch etwas mehr Wärmerückhalt am Unterschenkel. Auch wird verhindert, dass Geröll oder Ungeziefer in den Schuh oder das Hosenbein eindringen können.

Geschichte
Spätestens seit Anfang des 18. Jahrhunderts sind Gamaschen als Uniformteil bei Preußischen Grenadieren dokumentiert. Sie waren weiß mit seitlichem Knöpfen und reichten bis über das Knie. Neben der eigentlichen Schutzfunktion waren diese Stulpen auch militärisches Modeaccessoire.
Sowohl im Ersten und als auch im Zweiten Weltkrieg waren so genannte Wickelgamaschen aus verschiedenen Stoffarten noch ein weitverbreitetes Kleidungsstück bei Soldaten aller Nationen; insbesondere in Großbritannien, Frankreich und den USA.

Geschlossen werden die Helikon Gaiters nur
über einen fünf Zentimeter breiten Klett


Heute
Im Outdoor- und Freizeitsportbereich sind Gamaschen heutzutage nicht mehr wegzudenken. Sie existieren in einer Vielzahl von Ausführungen und Preisklassen zwischen zehn und sage und schreibe 80 Euro. Kaufentscheidende Kriterien können sein, neben dem Preis, natürlich das Material und Gewicht sowie die Robustheit. Und bevor man bei skandinavischen Premiummarken das Vierfache zahlt, sieht man sich einfach mal bei Helikon-Tex um.

Das Material ist dauerhaft wasserabweisend
und robust genug für Bewegungen im Unterholz


Snowfall Long Gaiters®
Unter der Verkaufsbezeichnung Snowfall Long Gaiters bietet Helikon-Tex in seiner Outback Line die kniehohen Gamaschen in sechs Farbvarianten zu einem Preis ab 30 Euro an. Für spezielle Pencott Tarnmuster, wie Greenzone, Snowdrift oder Wildwood werden neun Euro Aufpreis fällig.
Die Helikon Gaiters sind aus robustem Cordura gefertigt. Im Praxistest erwies sich das Material als dauerhaft wasserabweisend. Auch Bewegungen im dichten Unterholz konnten dem Cordura nichts anhaben. Die Schutzfunktion für den Unterschenkel war hier erwartungsgemäß vorhanden.
An der Innenseite sind die Stulpen im Bereich der oberen Zwei Drittel mit einem leichten Mesh-Futter bestückt. Das unter Drittel besteht zweilagig aus Nylon (Cordura) zur besseren Nässeabwehr.


Aufpreispflichtige Colorits sind die Pencott Tarnmuster, wie Greenzone,
Snowdrift oder Wildwood (Foto: Hersteller)


Anlegen: Minutensache
Das Anlegen passiert mit etwas Übung in weniger als einer Minute. Der Beinling verfügt über keinen Frontreißverschluss, sondern ist nur durch einen fünf Zentimeter breiten Klettstreifen zu schließen. Rumgefitzel an einem Reißverschluss mit kalten, nassen Händen bei Dunkelheit entfällt also. Die Klettlasche schließen – fertig.
Am oberen Ende lässt sich die Gamasche über einen Haken und ein elastisches Band an den Beinumfang anpassen. Am unteren Ende wird ein kleiner Haken in den Schnürsenkel eingehakt, um ein Hochrutschen des Beinlings zu verhindern.


(Foto: Hersteller)


Der Steigbügelriemen
Eine Schwachstelle bei allen Gamaschen stellt der so genannte Steigbügelriemen dar. Dieser Riemen verläuft direkt unter dem Schuh, idealerweise zwischen Vordersole und Schuhabsatz. An dieser prominenten Stelle führt zwangsläufig jeder Schritt zu erhöhtem Verschleiß. Was dazu führt, dass der Riemen meistens gar nicht erst angelegt wird. Bei Bundeswehr-Gamaschen (alt) bestand der Steigbügelriemen aus Fallschirmschnur oder Paracord. Beim Laufen im Schnee wurde diese Schnur nass, so dass Schnee an der Schnur haften blieb. Bei jedem weiteren Schritt pappte immer mehr Schnee an der Kordel unterm Schuh; bis man auf zwei riesigen Schneebällen lief. Wo Dienst, da Frohsinn.
Helikon-Tex begegnet diesem Problem mit einer Steigbügellösung aus dem Material Hypalone, einem hochwertiges, extrem widerstandsfähiges Elastomer. Es ist UV-, temperatur- und alterungsbeständig und natürlich reißfest. Die Längenverstellung kann über Klettflächen an der Innenseite der Gaiters vorgenommen werden.


(Foto: Hersteller)


Fazit
Helikon-Tex beweist mit diesem einfachen Ausrüstungsteil einmal mehr seine hohe Innovationsfähigkeit. Die Snowfall Long Gaiters sind sehr funktional und besitzen weder Reißverschluss noch Ösen oder Haken aus Metall. Im Grunde wurde hier ein weitverbreiteter Ausrüstungsgegenstand im Detail verbessert. Kaufempfehlung.

Service
Bezug über Camostore


Details
Material: Nylon (Cordura)
Bügelriemen: Polyethylen (Hypalone)
Höhe: 43 Zentimeter
Gewicht: 280 Gramm (Paar)
Preis: etwa 30 Euro


Dienstag, 23. Februar 2021

Das Home Defense Paket

 

Wer mit dem Gedanken spielt, eine Flinte für die Heimverteidigung zu nutzen, sollte ganzheitlich denken und etwas mehr bereit halten, als nur die Shotgun neben dem Bett. Dieser Beitrag stellt einen möglichen Lösungsansatz vor


Von Arne Mühlenkamp


Jede Verteidigungssituation wird sich grundsätzlich anders darstellen, als gedanklich vorab durchgespielt. Das trifft auf jede Verteidigungssituation zu; nicht nur auf die, in den eigenen vier Wänden. Im Denken und Handeln generalistisch und praxisbezogen zu bleiben, ist der Schlüssel zum Erfolg. Die Realitätsnähe wird jedoch nicht selten durch omnipräsente Actionfilme oder inkompetente „Tactical“-Ausbildung getrübt. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass man in der Stunde der nächtlichen Bewährung nichts weiter am Leib trägt, als seine Unterhose, ein T-Shirt und vielleicht Pantoffeln.

 

Munition mit rückstoßreduzierten Ladungen hat Vorteile
beim Flintenschießen ohne Nachteile in der Wirksamkeit
(Foto: Hersteller)


Waffe
Der US-amerikanische Schießausbilder Andy Stanford beschrieb die optimale Waffe zur Selbstverteidigung anhand von drei Merkmalen:
(1) Sie muss vorhanden sein
(2) Sie muss zuverlässig sein
(3) Sie muss für ihren Zweck einigermaßen geeignet sein, mit Betonung auf einigermaßen.

 

Perfekt ausgerüstet für zwei Kurstage Flinte Homedefense:
Gebrauchte Mossberg für wenige hundert Euro, Mehrzweckbauchtasche
für einige Schrotpatronen und Hände in den Taschen


Jeder Anwender, der versucht, seine Waffe durch den Anbau von Zubehörteilen auf einen bestimmten Verteidigungsfall hin zu optimieren, hat das Wesen einer Verteidigungssituation nicht verstanden.
Für den hier unterstellten Fall der Heimverteidigung bedeutet das, jede vorhandene Flinte ist besser als eine nicht vorhandene Flinte.
Ob man das wahrhaben will oder nicht; das Kriterium „Zuverlässigkeit“ erfährt immer eine Einschränkung, je mehr Funktionen, Bedienelemente oder zusätzliche Anbauteile eine Maschine hat. Selbstladeflinten können aufgrund von Munitionsunverträglichkeit ihren Dienst eher versagen, als Repetier- oder Doppelflinten. Einfachheit im Bedienkonzept erhöht hingegen die Zuverlässigkeit. Was im Allgemeinen für die Verwendung von Repetier- oder Doppelflinten spricht.
Das dritte Kriterium der Zweckeignung ist erfüllt, wenn sich aus der Flinte ein Schuss löst, wenn der Anwender das will, bzw. wenn sich kein Schuss löst, solange der Anwender das nicht will. Achtzig Prozent aller Verteidigungslagen mit Flinten sind nach zwei Schuss beendet. Ein paar Schuss mehr an Bord zu haben, kann aber nicht schaden. Was wiederum eine Repetierflinte mit Röhrenmagazin in den Fokus der Beschaffung rücken lässt.

 

Der sog. Shell-Storage Stock von Mossberg kann auf jeder Seite
zwei Reservepatronen aufnehmen. Idealerweise sollten hier nur Slugs
für einen eventuellen Munitionswechsel bevorratet werden


Mossberg & Remington
Beim Kauf einer Repetierflinte sollte man sich auf die beiden Modelle Remington 870 und Mossberg 590 konzentrieren. Am Gebrauchtwaffenmarkt sind diese Modelle schon für wenige hundert Euro erhältlich. Die Flinten beider Hersteller sind robust genug, so dass sie ruhigen Gewissens auch gebraucht erworben werden können.
Mossberg-Flinten bieten im Hinblick auf die Bedienung einige kleine Vorteile gegenüber der Remington. Das betrifft die Positionierung der Sicherung und den Zugang zum Röhrenmagazin. Des Weiteren besitzen manche Mossberg den sog. Shell-Storage Stock; einen Kunststoffschaft, der auf jeder Seite zwei Reservepatronen aufnehmen kann.

 

Grobes Postenschrot der Größe 00 oder 000 ist
bei der Heimverteidigung das Gebot der Stunde


Munition
Grobes Postenschrot ist das Gebot der Stunde, wenn es zum verteidigungsorientierten Einsatz einer Flinte kommt. Zwei Faktoren sind für den Anwender wesentlich: Es entsteht Rückstoß und Schrot streut. Die Streuung der eigenen Laborierung zu kennen, ist Grundwissen für jeden Flintenschützen. Die Wirkungszonenmethode ist ein zuverlässiges Instrument, um die Streuung und damit die effektive Einsatzdistanz der jeweiligen Kombination aus Laborierung und Flinte zu ermitteln.
Die Methode unterteilt die Streuung / die Garbe der Postenladung in drei Bereiche:
Zone A (Faustgröße)
Zone B (A4-Blatt-Größe)
sowie Zone C (größer als A4-Blatt)
Das Ziel der Wirkungszonenmethode ist, Kenntnis darüber zu erlangen, bei welcher Distanz Zone B endet; also die Garbe einer Ladung Buck-Shot nicht mehr zuverlässig auf der Größe A4 platziert werden könnte. Jenseits dieser Entfernung ist von einer Umfeldgefährdung durch einzelne Posten auszugehen.

 

Die GECO Buck Shot ist ebenfalls rückstoßreduziert.
Verschossen aus einer Mossberg 590A1 bleiben auf zehn Meter
Entfernung alle Posten innerhalb des DIN A4 Blattes (Zone B)


Rückstoß
Der Rückstoß bei Flintenmunition im Kaliber 12 kann erheblich sein. Aber: Viel hilft nicht immer viel. Fast alle Hersteller bieten rückstoßreduzierte Ladungen an. Gleichwohl haben rückstoßreduzierte Ladungen bei den zu erwartenden Entfernungen (Raumdistanz bis zu vielleicht 18 Meter) keine Nachteile in der Wirksamkeit. Aus der Erfahrung mehrerer Kursmodule „Flinte“ und „Flinte Homedefense“, sind zwei reduced-recoil Fabrikate empfehlenswert: Die Hornady TAP und die GECO Coated Competition Buck Shot.
In jedem Fall sollte die auserkorene Munitionssorte an mindestens einem kompletten Ausbildungstag benutzt werden und mehr als nur einmal der Wirkungszonenmethode unterzogen werden.
Die Verwendung einer 12/76er-Laborierung ist grundsätzlich nicht ratsam. Der immense und schmerzhafte Rückstoß erzeugt eher eine latente Schussangst, als das die Patrone nennenswerte Wirksamkeitsvorteile brächte.

 

EDC Compact Shoulder Bag: Eine Umhängetasche mit Munition
und einer Kompakttaschenlampe parat zu haben, kann zweckdienlich sein


Munitionsträger
Wie viel Reservemunition ist erforderlich? Die Frage ist aufgrund der Vielfältigkeit von Verteidigungssituationen kaum zu beantworten. Am Ende ist es immer mindestens ein Schuss mehr als man vorher dachte. Einen autarken Munitionsträger parat zu haben, ist eine gute Idee. Eine Mehrzwecktasche zum Umhängen reicht dafür völlig aus. Postenschrot und Flintenlaufgeschosse müssen im Munitionsträger getrennt voneinander verwahrt werden können da u.U. ein Munitionswechsel von Posten auf Slug erforderlich wird. Zivile Mehrzwecktaschen gibt es schon für kleines Geld.
Bei einer Kursteilnahme am Flinte Homedefense hat sich der EDC Compact Shoulder Bag von Helikon-Tex bewährt. Das Hauptfach ist ausreichend groß, um bis zu 30 Buck-Shot Kartuschen aufzunehmen. Das kleinere Frontfach fasst mindestens zehn Flintenlaufgeschosse.
Prinzipiell spricht nichts gegen die Verwendung sog. Side Saddle. Diese Munitionsträger werden am Gehäuse der Flinte montiert und fassen fünf bis sechs Schrotpatronen. Dadurch erhöht sich das Gewicht der Waffe und die Balance ändert sich. Ob hierbei Nutzen oder Nachteile überwiegen, sollte jede Anwender für sich selbst während eines Ausbildungstages herausfinden.

 

Munitionsträger Side Saddle: Ob hierbei Nutzen oder Nachteile
überwiegen, muss der Anwender für sich selbst herausfinden


Gehörschutz
Ein Aktivgehörschutz sollte ebenfalls griffbereiter Bestandteil des Home Defense Paketes sein. Er schützt das eigene Gehör und ermöglicht gleichzeitig Umgebungsgeräusche wahrzunehmen. Eine weitere Erklärung ist überflüssig.

Licht
Natürlich darf auch eine Kompakttaschenlampe mit hoher Leuchtkraft zum Paket gehören. Der Markt gibt einige Modelle mit sehr gutem Preis-Leistungsverhältnis und teilweise über eintausend Lumen Lichtausbeute her. Beim Kauf sollte man auf Einfachheit im Bedienkonzept achten und sich auf die Anbieter Fenix und Nextorch konzentrieren.

 

Einfachheit und Minimalismus: Eine Büchsenvisierung aus Kimme
und Korn ist für den verteidigungsorientierten Einsatz
einer Flinte ausreichend


Disclaimer
Landesspezifische Vorschriften zur Aufbewahrung von Waffen beachten!

Service
Nächster Flintenkurs bei Akademie 0/500 am 24. März 2024 in Bad Soden (Taunus) inkl. Erklärung und Durchführung der Wirkungszonenmethode. Nächster Flinte Homedefense am 10./11. Mai 2024 (nur in Tschechien)

Termine
 

Freitag, 19. Februar 2021

Oberland Arms: Mulitical Magazin (Kaliber 5,56x45 und .300BLK)

 

Oberland Arms bringt neue Universal-Magazine auf den Markt. Die 30-Schuss-Magazine sind Made in Germany und vorrangig für den Militär- und Behördenmarkt bestimmt. Sie nehmen sowohl das Kaliber 5,56x45 auf als auch die .300BLK und sind für das M4 / das HK416 / das MK556 und SCAR passend.
Das Material ist Glasfiber verstärkter Polymer-Kunststoff und kommt in den Farben Schwarz / FDE / OD Green und FX Blau. Die Magazine besitzen Sichtfenster mit einem Ladestandsanzeiger. Der Zubringer ist laut Herstellerangabe verkantungssicher und selbstschmierend. Die Magazinfeder ist aus Stainless Steel.
Magazinkoppler kommen in Kürze.

 







 

Dienstag, 16. Februar 2021

EDC Compact Shoulder Bag von Helikon-Tex

 

Helikon-Tex bietet mit dem EDC Compact Shoulder Bag eine Umhängetasche mit vielfältiger Einsatzmöglichkeit: Für Kurzwaffe, Munition, Erste-Hilfe Ausrüstung oder andere Dinge des täglichen Bedarfs. Innovation trifft auf robuste Verarbeitung und günstigen Preis


Ein Herrenhandtäschchen zu tragen, ist gewiss nicht jedermanns Sache; kann in manchen Situationen aber zweckdienlich sein. Mitunter sieht der Verwendungszweck auch nur vor, Ausrüstung griffbereit in einer Tasche zu lagern, die sich im Bedarfsfall schnell umhängen lässt. Der Bedarfsfall definiert die Größe der Tasche und nicht immer ist das Volumen eines 3-Tages-Rucksacks erforderlich.

 

Kompakt, unauffällig, vielseitig im Einsatz
und makellos verarbeitet

 

EDC
Die Abkürzung EDC ist zu einem regelrechten Alltagswort avanciert und steht für Every Day Carry. Also Dinge, die man tagtäglich mit sich führt; oder führen sollte. Taschen für diesen Einsatzzweck bilden mittlerweile ein eigenes Marktsegment. Es gibt sie in Form eines Kleinstrucksacks bis hin zum Organzier im Hosentaschenformat.

 

Reichlich Stauraum: Das Hauptfach fasst 30 Stück Postenschrot,
die Fronttasche mindestens zehn Flintenlaufgeschosse
für den Munitionswechsel


Fachaufteilung
Der EDC Compact Shoulder Bag kommt als Umhängetasche. Er hat ein Hauptfach, eine Fronttasche mit einem sog. Admin Panel für diversen Kleinkram, einer kleinen Drop-Tasche und ein Rückenfach. Seitlich gibt es jeweils eine kleine Schubtasche für Stifte oder (sehr) schlanke Taschenlampen.
Das geräumige Hauptfach besitzt eine Klettfläche, an der ein Panel aus dem Helikon hauseigenen „Versatile Insert System“ befestigt werden kann. Bspw. um darin eine Pistole sicher zu führen oder eine organisierte Befestigungsmöglichkeit für andere Gegenstände zu haben.

 


Einsatzzweck: Flinte
Die Tasche wurde für zwei Einsatzzwecke angeschafft. Zum einen, um auf Schießkursen für Flinte einen zweckmäßigen Munitionsträger zu haben, indem sowohl eine größere Anzahl Patronen mit Postenschrot aufbewahrt werden können, als auch in einem getrennten Fach Flintenlaufgeschoss-Munition. Das Rückenfach oder die kleine Drop-Tasche eignen sich zudem, um Schreibzeug griffbereit zu haben.
Der zweite Einsatzzweck ist die Aufbewahrung von Munition und Taschenlampe zum schnellen Zugriff nebst Flinte (sofern gesetzeskonform).

 

Das Versatile Insert System erlaubt das Anbringen von
zusätzlichen Ordnungsstiftern innerhalb der Tasche


Verarbeitung
Die EDC Tasche ist Helikon-typisch makellos verarbeitet. Das Design ist innovativ und detailorientiert. Lieferbar ist die Tasche in den vier tactical Grundfarben schwarz, Oliv, Coyote und wie abgebildet Schadow Grey. Im Camostore.de ist der EDC Compact Shoulder Bag für etwa 23 Euro erhältlich. Taschenfreunde werden Gefallen an dem kleinen Helfer finden, zumal das Einsatzspektrum sehr breit ausfällt.

Fazit
Sicherlich könnte man sich Schrotpatronen auch in die Hosen- oder Jackentasche stopfen, um sie während eines Kurstages zu verschießen. Mit einem Herrenhandtäschchen als Munitionsträger de luxe bekommt das Ganze aber etwas mehr Stil.

Daten
Material: Cordura 500D
Gewicht: 220 Gramm
Maße: 23 x 19 x 5 Zentimeter
Kapazität: etwa 2 Liter
Preis: etwa 23 Euro
Direktbestellung

 

 

Freitag, 12. Februar 2021

Leseempfehlung: „La Guerre moderne“ von Roger Trinquier

 

Modern Warfare: A French View of Counterinsurgency
von Oberst Roger Trinquier

Taschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Praeger; Annotated Edition (August 2006)
Sprache: Englisch
ISBN-13: 979-0275992682
Preis: ca. 25 Euro

Direktlink



Mit der Französischen Doktrin versuchten französische Militärs, insbesondere Fallschirmjäger und Fremdenlegion, im Algerienkrieg der 1950er Jahre einen operativen und strategischen Vorteil über die algerische Widerstandbewegung FLN (Front de Libération Nationale) zu erlangen.
In der öffentlichen Rezeption werden die Methoden der Französischen Doktrin gern reduziert auf die regelmäßige und massenweise Verhaftung algerischer Aufständiger, deren Folterung sowie das anschließende Töten und Verschwindenlassen. Das Gesamtkonzept hingegen ist umfangreicher.
Der französische Fallschirmjäger Colonel Roger Trinquier gilt als Begründer dieser Doktrin, deren theoretisches Gerüst er im Buch „La Guerra moderne“ (Paris, 1961) zusammenfasst.
Trinquiers Methoden waren beim Kampf gegen die algerische Untergrundbewegung sehr erfolgreich. Infolgedessen wurde die Französische Doktrin in den 1960er bis hinein in die 1980er Jahre auch von Militärdiktaturen in Lateinamerika angewandt. Auch die CIA griff bei ihrem Phoenix-Programm in der Vietnamkriegsära ansatzweise darauf zurück. Schon damals wurde ein gravierender Mentalitätsunterschied zwischen französischer und US-amerikanischer Definition von „Counter-Insurgency“ Maßnahmen deutlich. Was letztlich zum Scheitern des Phoenix-Programms führte, trotz Anwendung richtiger Methoden.

Roger Trinquier erkannte die Bedeutung der Einwohner eines Landes für die Bekämpfung von Terrorismus. Der Einwohner ist dabei neben dem Terroristen und den regulären Kräften der dritte Feldspieler. Reguläre Kräfte haben nur mit Unterstützung der einheimischen Bevölkerung Aussicht auf erfolgreiche Terrorismusbekämpfung. Auf diese Rolle muss der Einwohner durch Schulung und Ausbildung vorbereitet werden.
Die Ideen Trinquiers im Kapitel „Defense of the Territory“ beschreiben ein Milizsystem, dessen kleinste taktische Einheit die Familie ist.
Mit einer milizähnlichen Einwohnerwehr wäre, Trinquier zu Folge, ein sicherheitspolitisches Rahmenwerk geschaffen, das nicht nur Informationen über feindliche Infiltration liefern, sondern reguläre Kräfte auch proaktiv im Kampf unterstützen könnte.
Heutzutage könnten diese Ideen durchaus unter dem Begriff „Wehrhafte Republik“ subsummiert werden.
Im Kapitel „Errors in fighting the Guerrilla“ legt Trinquier dar, weshalb militärische Taktiken, wie Außenposten, isoliert ausgeführte Hinterhalte oder einzelne Patrouillen zu Fuß niemals bis kaum militärische Erfolge gegen Guerillagruppen nach sich ziehen werden. Das Buch mit Ersterscheinen im Jahr 1961 liest sich streckenweise wie eine Blaupause für das militärische Scheitern des Westens in Afghanistan.

Eine deutsche Übersetzung von „La Guerre moderne“ gibt es nicht. Der Leser muss daher mit der US-amerikanischen Ausgabe der Praeger Security International Reihe vorlieb nehmen. Auch wenn dort auf den Umschlagseiten und im Klappentext das Wort „Counterinsurgency“ in typisch US-amerikanischer Manier fast schon inflationär verwendet wird, „La Guerra moderne“ ist weit mehr als nur ein weiteres „COIN“-Buch. Es ist vielmehr das Standardwerk über den „Modernen Krieg“ gegen Terroristen und die Zusammenfassung der Französischen Doktrin vom geistigen Vater Roger Trinquier persönlich. (hh) 




Mittwoch, 10. Februar 2021

Nutzung von Schießriemen (3): Der Cross-Body Sling

 

Schießriemen können den Anschlag mit einer Langwaffe erheblich stabilisieren. Nach dem Hasty-Sling und dem Loop-Sling behandelt der dritte Teil der Serie den Cross-Body Sling und beschreibt noch einmal Vor- und Nachteile aller drei Varianten



Die Beiträge (1) und (2) zum Thema Schießriemennutzung haben die Varianten Hasty-Sling und Loop-Sling behandelt. Für einen Loop-Sling muss eine spezielle Riemenkonfiguration vorhanden sein, die das Herstellen einer Schlaufe (loop) für den Oberarm der Unterstützungsseite gestattet. Für eine sinnvolle Anwendung ist außerdem eine weiterführende Ausbildung bzw. Einweisung erforderlich. Mit etwas Übung stabilisiert ein Loop-Sling das Gewehr ebenso gut, wie es bei einer aufgelegten Schießposition der Fall wäre. Die Nachteile liegen in einer mitunter komplizierten Riemenkonfiguration, im zeitraubenden Prozess, den Riemen anzulegen, die Schießposition einzunehmen bzw. diese wieder aufzugeben, um bspw. einen schnellen Positions- oder Stellungswechsel durchzuführen oder in der Limitation der Tragevarianten des Gewehrs an sich. Seinen größten Vorteil spielt der Loop-Sling im Liegendanschlag aus.
Für den Hasty-Sling ist ein 2-Punkt-Riemen ausreichend. Dieser muss nicht zwingend längen(schnell-)verstellbar sein. Die Benutzung des Hasty-Slings verlangsamt die Gesamtzeit, das Gewehr in Anschlag zu bringen nur unwesentlich. Der Hasty-Sling spielt seine Stärke im Stehendanschlag aus.

 

Ein Loop-Sling muss deutlich oberhalb des Trizepsmuskels spannen,
um die größtmögliche Wirkung und Stabilität zu entfalten


Wirkweise: Spannung
Weder Hasty- noch Loop-Sling unterstützen das Gewicht der Waffe. Sie stabilisieren den Anschlag lediglich durch Zugspannung, die sich bei korrekter Anwendung in Richtung Schulter aufbaut. Dafür müssen sowohl Hasty- als auch Loop-Sling am Unterstützungsarm so hoch wie möglich anliegen. Der Riemen muss deutlich oberhalb des Trizepsmuskels spannen, um die größtmögliche Wirkung und Stabilität zu entfalten. Werden Hasty- oder Loop-Sling nicht korrekt positioniert, verfehlen sie ihre Wirkung.

 

Für den Cross-Body Sling eignen sich längenverstellbare
2-Punkt-Riemen besonders gut
(Foto: „Slings in the Wild“, Todd Dow)


Cross-Body Sling
Der Cross-Body Sling bedient sich der Eigenschaften eines modernen Gewehrtrageriemens sowie dessen weitläufiger Verbreitung. Die meisten Trageriemen sind heute über eine Kupplung mit einer Handbewegung schnell längenverstellbar, was sie umgangssprachlich auch als „taktischen“ Trageriemen klassifiziert. Außerdem ermöglichen sie, dass das Gewehr permanent umgehängt getragen werden kann. Dabei befinden sich entweder nur der Hals oder der Hals plus der Arm der Nichtschussseite im Riemen. Womit die Ausgangsposition zur Herstellung und Nutzung des Cross-Body schon eingenommen wäre.
Sobald das Gewehr in Anschlag gebracht wird, bedient die Hand der Unterstützungsseite die Schnellkupplung und strafft den Riemen auf die vorab konfigurierte Kleinstlänge. Wodurch das Gewehr stabilisiert wird.

 

Da der Riemen über Schulter und Rücken des Schützen läuft,
wirkt weniger Waffengewicht direkt auf die Arme
(Foto: „Slings in the Wild“, Todd Dow)


Wirkweise: Gewichtsreduktion (und Spannung)

Im Gegensatz zum Loop- und Hasty-Sling, wo die Waffe nur durch Spannung stabilisiert wird, beruht die Wirkweise des Cross-Body gleichzeitig noch auf einer Gewichtsreduktion. Da der Riemen über Schulter und Rücken des Schützen läuft, wirkt weniger Waffengewicht direkt auf die Arme des Anwenders. Besonders hohe Wirksamkeit erlangt der Cross-Body Sling beim Kniendanschlag sowie den Anschlagsvarianten Hocke und Sitzend.

Wichtig: Konfiguration
Beim Anbringen muss der Anwender den Riemen einmalig auf seine Waffe sowie seine individuellen Erfordernisse einstellen. Soll der längenverstellbare 2-Punkt-Riemen als Cross-Body Sling verwendet werden, muss er im Anschlag unter Spannung stehen. Diese sog. „Kleinstlänge“ muss vorab einmalig konfiguriert werden, indem der Riemen über die Kupplung maximal verkürzt wird und andere Schlaufen entsprechend angepasst werden.
Wird die Kupplung hingegen auf Maximallänge geöffnet, kann die Waffe sehr bequem auf dem Rücken oder vor dem Oberkörper geführt werden.

Buch „Slings in the Wild“ von Todd Dow



 



Donnerstag, 4. Februar 2021

Gewehrkonzepte (8): Liberty Training Rifle

 

Der Begriff Liberty Training Rifle (LTR) bezeichnet eine für jedermann verfügbare Trainingswaffe, mit der besonders effizient Grundlagen des Gewehrschießens geübt werden können

Von Christian Väth

Der Begriff Liberty Training Rifle (LTR) wurde im Umfeld von Project Appleseed geprägt (Waffenkultur Nr. 13, Seite 6). In dieser gemeinnützigen Organisation haben sich US-amerikanische Gewehrschützen zusammengeschlossen, um jedem Amerikaner die Grundlagen im Umgang mit einem Gewehr wieder nahe zu bringen. Nach Ansicht der Initiatoren hinter Project Appleseed sind diese Fähigkeiten der US-amerikanischen Gesellschaft querschnittlich abhandengekommen. Programmatisch wird Project Appleseed durch die Mentalität getragen, dass die Freiheit und Unabhängigkeit einer Gesellschaft nur durch privaten Waffenbesitz gewährleistet werden kann. Insbesondere durch den Besitz eines Gewehrs und die Fähigkeit seiner Anwendung.

 

Das LTR aus Waffenkultur Nr. 17:
Savage Mark II Camo im Kaliber .22 lfB


 
Taktisches Problem
Ein LTR dient zwei Zielsetzungen. Zum einen übernimmt es die Funktion eines preiswerten Trainingsgerätes, dass mit wenigen Modifikationen an die Handhabungsechtheit eines Karabiners angepasst werden kann. Neben der Kostenreduzierung, kann hier auch die eingeschränkte Verfügbarkeit von geeigneten Schießstätten im näheren Umfeld ein Anlass zur Anschaffung sein. Noch finden sich in Deutschland flächendeckend Schießstände, die für Waffen im Kaliber .22 lfb zugelassen sind. Die benötigte Standardentfernung von 25 Metern ist so gut wie immer auch auf nicht frei begehbaren Bahnen vorhanden. Zum anderen dient eine solche Waffe als Schulungsinstrument für Nachwuchsschützen. Aufgrund des sehr geringen Rückstoßes besonders geeignet für Kinder und Jugendliche, sollten auch Erwachsene nicht ihr Ego zwischen sich und ein LTR stellen. Eine moderne und realitätsnahe Schießausbildung folgt, egal für welche Zielgruppe, einem aufeinander aufbauenden System von Lernzielen und -stufen. Die dazugehörigen Werkzeuge und Lehrmethoden ändern sich dabei je nach Lernschritt. Gerade für die Sicherheitserziehung, das Erlernen der vier Grundfertigkeiten und die ersten Gehversuche mit einer effizienten Schießtechnik anhand von Referenzpunkten kann ein LTR auch für erwachsene Neulinge sehr gewinnbringend sein. Fortgeschrittene können Grundlagenfähigkeiten kostengünstig aufrechterhalten.

 

Das Vorkompressions-System wird durch Ab- und Anklappen
des Handschutzes bedient. (Foto: Crosman)



Konzept LTR .22
In Missachtung ihres wahren Potentials werden Gewehre im Kaliber .22 lfB manchmal nur als „Spaßbringer“ abgetan. Dabei wird verkannt, welches hohe Maß an Trainingsfortschritt mit diesen Waffen erzielt werden kann und wie effizient die Ausbildung gestaltet werden kann.  Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Anschaffungskosten der Waffe sind relativ gering, die Munition ist preisgünstig und zum strukturierten Üben reicht eine 25-m-Bahn. Abmaße und Gewicht lassen .22-lfB-Gewehre auch für Kinder und Jugendliche zu einem interessanten und nützlichen Trainingsinstrument werden. Alles was mit den „richtigen“ und „großen“ Gewehren gemacht wird, kann mit einer .22er gleichermaßen umgesetzt werden: Das Leben von Sicherheitsregeln, die Handhabung, wie z.B. Ladetätigkeiten, der Aufbau einer stabilen Schießplattform mit Unterstützung eines Schießriemens und natürlich das Umsetzen von Grundfertigkeiten des Schießens, um einen präzisen Treffer anzubringen. Das Ziel des Trainings sollte sein, zu jedem beliebigen Zeitpunkt eine Durchschnittsstreuung von 0,6‰ zu erreichen. Die Realisierung eines LTR im Kaliber .22 lässt sich in der Waffenkultur-Ausgabe Nr. 17 nachlesen.

 

Die offene Visierung ist der Standardvisierung
der United States Army nachempfunden



Konzept .177
Der Idee, einer für jedermann zugänglichen Ausbildung in den vier Grundfertigkeiten und den Grundlagen der Schießtechnik folgend, stellt sich die Frage nach der Eignung von vollkommen einschränkungsfrei zu erwerbenden Schusswaffen. Jeder volljährige, deutsche Staatsbürger kann ohne weitere Beschränkungen Luftgewehre bis zu einer Leistungsfähigkeit von maximal 7,5 Joule erwerben. Auf dem eigenen Grundstück oder in den eigenen vier Wänden ist das Schießen mit diesen Waffen erlaubt, insofern sichergestellt ist, dass kein Projektil diesen Bereich verlässt. Im Vergleich zu einem bereits sehr günstigen LTR im Kaliber .22 sinken die Kosten noch einmal drastisch: Es wird keine spezielle Schießstätte benötigt und die Anschaffung der Waffe sowie die Munitionsversorgung ist noch günstiger. Bislang waren die üblichen Luftgewehrmodelle jedoch aufgrund ihrer Ausgestaltung nur bedingt zur Nutzung als LTR geeignet. Mittlerweile steht jedoch eine Option zur Verfügung: Das M4-177 des US-amerikanischen Herstellers Crosman.

 

Neun Meter werden benötigt: Egal ob im Garten
oder wie hier liegend freihändig in einem langen Flur



Crosman M4-177
Hierbei handelt es sich um einen Luftgewehrhybriden der sowohl Geschosse im Kaliber .177 (4,5 Millimeter Diabolos) als auch Airsoft-BB-Rundkugeln aus Stahl verschießen kann. Das Vorkompressions-System (ähnlich den altbekannten „Knickern“) bleibt innerhalb der deutschen Leistungsgrenze von 7,5 Joule. Dabei lässt sich die gewünschte Energiehöhe vor jedem Schuss neu einstellen – zwischen drei und zehn Pumpstößen ist ein sicherer Betrieb möglich. So kann die Energie je nach Kugelfang oder zur Erhöhung der Sicherheit bei Abprallern in Wohnräumen angepasst werden. Vor der Schussabgabe wird der Handschutz nach unten geklappt und wieder nach oben gedrückt (siehe Abbildung). Das Gewehr ist vom Design und den Abmessungen her einem Standard-M4 der United States Army nachempfunden, inklusive verstellbarer Lochkimme und Schubschaft. Die Waffe ist komplett aus Kunststoff gefertigt und mit ca. 1,7 Kilogramm leichter als das Original. Die Verarbeitung erscheint äußerlich auf den ersten Blick nicht sonderlich hochwertig. Allerdings konnte der Autor über das vergangene Jahr eine Trainingseinheit pro Woche durchführen – bislang ohne Störungen oder Schäden. Der gezogene Lauf ist aus Stahl gefertigt. Entsprechende Ösen ermöglichen auch das Anbringen eines Riemens. Geladen wird das M4-177 mit einem kleinen Magazinstreifen für fünf .177-Geschosse oder mit bis zu 350 Stahl-BB’s im Gehäuse. Das Diabolo-Magazin und der Justierschlüssel werden in der Magazinattrappe verstaut. Der Justiervorgang gestaltet sich exakt nach der bekannten 25-m-Methode, allerdings verkürzt auf neun Meter: ein langer Flur oder ein kurzes Gartenstück genügt für alle Schießübungen. Die Eigenpräzision der Waffe ist dabei hoch genug, um auf diese Distanz immer eine Präzision von 1‰ zu erreichen. Dazu muss bei der Übungsgestaltung und der Zielauswahl auf die korrekte Umsetzung des Präzisionsanspruches geachtet werden: Auf die angesprochene Entfernung von neun Metern sollten die Treffer daher innerhalb einer Fläche von 0,9 x 0,9 Zentimetern liegen (1‰). Einfache Ringscheiben sind äußerst kostengünstig, ab etwa 40 Euro sind auch kleine Stahlpendelziele erhältlich. Die Anschaffung eines Kugelfangs ist besonders für die Verwendung in Innenräumen dringend anzuraten. Wie auch beim Trockentraining ist eine sichere Übungsumgebung Pflicht. Andere Familienmitglieder oder Tiere dürfen nicht unbemerkt in die Trefferzone gelangen können.

Fazit
Um einen hohen Präzisionsanspruch zu erfüllen, muss man nicht mehrmals die Woche einen Schießstand buchen. Die eigenen Fähigkeiten zu verbessern und dann zu erhalten, ist auf vielfältige Weise möglich. Wer Ausreden sucht, hat nicht verstanden, worum es geht. Echte Gewehrschützen werden immer einen Weg finden, sich zu beüben. Das Konzept des Liberty Training Rifle ist weltweit millionenfach bewährt, keiner sollte sich zu schade sein die kleinen „Spaßmacher“ auch mal ernst zu nehmen. Und im Lockdown nicht vergessen: Die körperliche Leistungsfähigkeit sollte parallel zu den Schießfertigkeiten gesteigert werden. Denn wer seinen Puls schneller runterbekommt, hat auch früher ein Visierbild.


Technische Daten
Modell: M4-177
Hersteller: Crosman Corporation, Bloomfield NY, USA
Waffenart: Pneumatic Pump Air Rifle (Vorkompressions-Luftgewehr)
Kaliber: .177 (4,5 mm Diabolo bzw. 4,5 mm BB)
Magazinkapazität: 5 Schuss / 350 Schuss
Visierung: offen, Lochkimme und Korn
Gesamtlänge: 78 - 86 cm (verstellbarer Schubschaft)
Energie: max. 7,5 Joule
Gewicht: 1,7 Kilogramm
Preis: ab 120 Euro

 

Gewehrkonzepte (1): Mk 12 Special Purpose Rifle

Gewehrkonzepte (2): Infantry Automatic Rifle 

Gewehrkonzepte (3): Anti-Material-Gewehr 

Gewehrkonzepte (4): Der Karabiner

Gewehrkonzepte (5): Cooper’s Scout Rifle

Gewehrkonzepte (6): Die Panzerbüchse

Gewehrkonzepte (7): Long Rifle

Gewehrkonzepte (8): Liberty Training Rifle

Gewehrkonzepte (9): Das Sturmgewehr