Wassermelonen gelten gemeinhin als sehr dankbare Objekte für Beschussversuche. Wir versuchen einen Vergleichstest zweier sehr unterschiedlicher Kaliber: Der weitverbreiteten .223 Remington und der bärenstarken 10mm Auto
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| Das expansionsfreudige XTP-Projektil der Hornady verlässt den Lauf mit gemessenen 371 Meter pro Sekunde. Was zu einer Mündungsenergie von 800 Joule führt |
Je nach Interpretation geht die Geschichte des Kalibers 10mm Auto auf zwei Begebenheiten zurück: Zum einen auf die Idee der US-amerikanischen Schusswaffen-Ikone Jeff Cooper und zum anderen auf den so genannten Miami FBI Shootout vom April 1986.
1983
Der fortwährend umtriebige Jeff Cooper suchte Anfang der 1980er Jahre nach einem neuen Kaliber, dessen Ballistik jenseits der .45 ACP angesiedelt sein sollte, das sich aber dennoch aus handelsüblichen Selbstladepistolen verschießen ließe. In Zahlen ausgedrückt, sollte es ein zweihundert Grain Geschoss auf eine Mündungsgeschwindigkeit von mindestens 365 Meter pro Sekunde beschleunigen können, um auch für Pistolenschüsse bis fünfzig Meter ausreichend Energie ins Ziel zu bringen. Dass allein dieser Präzisionsanspruch für annähernd 95 Prozent aller Schützen unerreichbar war, dürfte auch einem Jeff Cooper klar gewesen sein.
Die Mutterhülse für die 10mm Auto soll demnach die Hülse des Gewehrkalibers .30 Remington gewesen sein. Wofür die 52 Millimeter lange Gewehrhülse auf 25 Millimeter gekürzt wurde.
Als Fußnote der Geschichte: Die .30 Remington war Remingtons Antwort auf die weitaus populärere .30-30 von Winchester, welche wiederum die Mutterhülse der 6.8mm Remington SPC ist.
Eintausend Joule
Unstrittig ist, das die 10mm Auto zu den stärksten Kurzwaffenkalibern weltweit gehört. Aus einem fünf Zoll Pistolenlauf sind durchaus eintausend Joule Mündungsenergie machbar. Allerdings erreichen die wenigsten 10mm-Auto-Laborierungen tatsächlich die magischen eintausend Joule. Viele Ladungen, insbesondere zum Training oder Scheibenschießen, bringen es auf moderate 600 Joule. (Zum Vergleich: Das Kaliber 9x19 mit acht Gramm Vollmantelgeschoss und 370 Meter pro Sekunde erreicht etwa 550 Joule)
Für eintausend Joule sind bei der 10mm Auto Mündungsgeschwindigkeiten von mindestens vierhundert Meter pro Sekunde erforderlich.
Was bei der Recherche zur Patrone 10mm Auto auffällt, sind die zahlreichen XTP (Extreme Terminal Performance) Geschosskonstruktionen, die ihren Anwendungsbereich eindeutig in der Jagd oder zur Selbstverteidigung sehen. Und in Verbindung mit Masse und Geschwindigkeit enorme zielballistische Wirkung entfalten können.
1963
Der Gegenspieler in unserem ungleichen Vergleich ist die Gewehrpatrone .223 Remington; auch als 5,56x45mm bekannt. Entwickelt und eingeführt Anfang der 1960er Jahre erlangte die "two-two-three" als NATO-Standardpatrone eine globale Verbreitung. Sie dürfte zu den Top 5 der am meisten produzierten Gewehrpatronen weltweit gehören.
Idee
Die Idee des Beschussversuchs war es, die Geschosswirkung zweier grundlegend unterschiedlicher Kaliber gegen identische Zielmedien darzustellen und zu dokumentieren. Als Beschussmedium dienten zwei Wassermelonen, die im Auge des saisonal geübten Wassermelonenkäufers als (nahezu) identisch kategorisiert werden können.
Aufbau
Der Aufbau eines Beschussversuchs sollte vor allem nachvollziehbar, dokumentierbar und damit auch reproduzierbar sein. Die Entfernung zum Ziel beträgt in diesem Fall fünf Meter. Die Zielmedien werden jedes Mal frontal beschossen.
Verwendete Munition
Im Kaliber 10mm Auto wurde die Hornady-Laborierung 180 gr XTP® benutzt. Gemessen verlässt das 180 Grain Projektil die Mündung der Glock 20 mit 371 Meter pro Sekunde. Was zu einer errechneten Mündungsenergie von genau 800 Joule führt und damit der Herstellerangabe entspricht.
Im Kaliber .223 Rem wurde die Standardpatrone GECO Target mit 4,1 Gramm Geschoss verwendet. Den Lauf des Black Label M4 verlässt das Projektil mit durchschnittlich 830 Meter pro Sekunde. Die errechnete Mündungsenergie liegt demnach bei 1.400 Joule. Also fast doppelt so hoch, wie die 10mm Auto aus der Glock 20.
Ergebnisbetrachtung: .223 Remington
Die zielballistische Wirkung der .223 tritt beim Verlassen des Zielmediums Melone ein. Während beim Eindringen des Vollmantel-Projektils die Schale der Melone weitgehend intakt bleibt, wird die hintere Hälfte komplett in Stücke gerissen.
Ergebnisbetrachtung: 10mm Auto
Eine völlig andere Wirkung zeigt die 10mm Auto. Schon beim Eindringen verrichtet das expansionsfreudige XTP-Projektil brachiale Arbeit. Der Melonenkörper wird anfangs sogar relativ gleichmäßig in neun, fast identische Stücke geteilt. Beim weiteren Durchdringen sowie beim Ausschuss erzielt das 180-gr-Geschoss so viel Wirkung, dass von der Melone nur kleine Stücke übrig bleiben. Keines davon größer als eine Handfläche.
Bei einem gleichartigen Beschussversuch in einer Raumschießanlage verteilte sich das Fruchtfleisch der Melone gleichmäßig im Raum und musste von den Wänden abgeputzt werden.
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| Die besten Beschussversuche sind die, bei denen am Ende kein Beschussmedium mehr vorhanden ist |
Taktische Würdigung
Was theoretisch bekannt und offensichtlich ist, konnte mit diesem einfachen Versuchsaufbau praktisch verifiziert werden: Kinetische Energie; das Produkt aus Geschossmasse und Geschossgeschwindigkeit zum Quadrat; hat nur bedingte Aussagekraft, wenn es um zielballistische Wirkung geht. Expansionsfreudige Geschosskonstruktionen, auch wenn sie wesentlich weniger Energie ab der Mündung transportieren, können den Wirkungs-vollen Unterschied machen.
Mehr dazu in "Die Waffenkultur" Nr. 85












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