Mittwoch, 22. April 2020

Lehrgang SCOUT II: Zivile Grundausbildung


Die Lehrmanufaktur bietet ein ganzheitliches Ausbildungskonzept zur Krisenvorsorge. Mitte Juli 2019 haben wir den ersten SCOUT II Lehrgang für Privatkunden in Arnstein besucht

Sichtmarkentafel: Definiert die Sichtstrecken zu allen Seiten von einem bestimmten Geländepunkt aus


Von Mario Schwertberger

Es gibt verschiedene Strategien zum Umgang mit Risiken. Das Kleinreden von potentiellen Gefährdungen gehört nicht dazu. Eine wirksame Strategie hingegen ist die Risikoreduktion, bzw. die Verringerung der Schadenswirkung. Zu den konkreten Maßnahmen zählt die Vorbereitung auf den Ernstfall. Welche Ursachen dabei zu dessen Eintritt führen können, wird im Seminar SCOUT I betrachtet (vgl. Waffenkultur Nr. 43, Seite 10). Die individuelle Gefährdungsanalyse ist Voraussetzung, um das Bedrohungspotenzial für den persönlichen Wohn- oder Aufenthaltsort abschätzen zu können. Aus der Analyse können weitere Vorsorgemaßnahmen abgeleitet werden. Unabhängig vom jeweiligen Szenario gilt: Robuste, praxistaugliche Fertigkeiten sind wertvoller als technische Hilfsmittel. Im Lehrgang SCOUT II werden im Rahmen einer 24-stündigen, stationsbasierten Ausbildung im Freien genau jene Handlungskompetenzen vermittelt, welche einem im Worst-Case-Szenario den entscheidenden Vorteil verschaffen. Der Scout ist in der Lage, Notfallsituationen auf souveräne Weise möglichst rasch und effizient zu bewältigen.

Ansichtsskizze: Blick auf Zürich. Links im Bild das 118 Meter hohe Kornhaus der Stadt. Dort werden bis zu 60.000 Tonnen Getreide gelagert


Die Lehrmanufaktur
Die Lehrmanufaktur schließt die Lücke zwischen staatlicher und privater Krisenvorsorge. Das Ausbildungskonzept SCOUT richtet sich vor allem an jene, die im Krisenfall nicht ausschließlich auf Vollkaskomentalität und behördliche Unterstützung vertrauen. Mit absolvieren des Lehrgangs SCOUT II erfolgt die freiwillige Aufnahme in das frisch gegründete Zivilschutznetz. In den aufeinander aufbauenden Modulen SCOUT III & IV werden weiterführende Planungs-, Entscheidungs- und Führungskompetenzen vermittelt. Hierbei kommen Referenzszenarien zum Einsatz. Diese erlauben den Teilnehmern, die hochdynamischen Abläufe bei Krisen möglichst realitätsnah zu erleben. Das Angebot ist im deutschsprachigen Raum bislang einzigartig.

Wegeskizze: Funktioniert als Navigationshilfe ganz ohne GPS und ohne Akku


Leben aus dem Rucksack
Ein Schwerpunkt der Ausbildung liegt im Umgang mit der Ausrüstung gemäß SCOUT-Verpackungsplan. Der Notfallrucksack wurde in dieser Zeitschrift bereits ausführlich behandelt (vgl. Waffenkultur Nr. 46, Seite 26). An dieser Stelle sei lediglich auf Folgendes hingewiesen: Der Lehrgang eignet sich bestens dafür, die eigene Ausrüstung einem Praxistest zu unterziehen. Wie unterschiedlich das Packkonzept umgesetzt werden kann, zeigte die gegenseitige Beratung mit anderen Teilnehmern. Zahlreiche gute Ideen, wertvolle Hinweise und Empfehlungen wurden dabei ausgetauscht. Manch ein Gegenstand überraschte durch seine vielseitige Verwendbarkeit. Beispielsweise diente der gute alte Bundeswehr-Poncho als Unterlage beim Anfertigen von Skizzen, als Regenschutzplane im Biwak oder als Sichtschutz beim Kartenlesen in der Dunkelheit. Der angehende Scout lernt während des Kurses auch, welche Utensilien er im Zweifel zurücklassen kann. Die Ausbildung setzt eine gute Gesundheit voraus und erfordert vom Teilnehmer eine normale körperliche Leistungsfähigkeit. Aus diesem Grund ist es ratsam, den Rucksack nicht mit unnötigen Komfortgegenständen zu beschweren und sich an die minimalistische Devise der Kursleitung zu halten. Smartphones sind während der Ausbildung nicht zugelassen, schließlich sollen die Teilnehmer auf das Überleben ohne Telefon, Internet und andere Annehmlichkeiten vorbereitet werden.

Zur Lehrgangsvorbereitung zählt auch ein nach Verpackungsplan gepackter Notfallrucksack, der alles enthält was man braucht. In keinem Fall sollte er mehr als zehn Kilogramm wiegen – hier die Variante des Ausbildungsleiters


Beurteilung von Geländeabschnitten
Nach einer kurzen theoretischen Einweisung erfolgte die Einteilung in Zweiertrupps. Anschließend wurden die 2-Mann-Trupss in Bewegung gesetzt. Die erste Station befand sich auf einer nahe Arnstein gelegenen Kuppe. Von hier oben offenbarte sich den Teilnehmern ein weiter Blick über die Stadt und die angrenzenden Wälder und Fluren. Das Gelände kann je nach Lage, Vor- oder Nachteile mit sich bringen. Die schnelle und sichere Beurteilung des Geländes ist deshalb eine essentielle Fertigkeit des Scouts. Dazu gehört das präzise Ansprechen besonderer Geländepunkte. Dies gelingt effektiv nur unter Verwendung einheitlicher Angaben und Begriffe. Während das spezifische Vokabular schnell erlernt werden kann, benötigt das Abschätzen von Entfernungen deutlich mehr Übung. Hierbei kamen die Vorteile des Zweiertrupps erstmals zum Tragen: Die Mittelwerte der Schätzungen lieferten meist bessere Ergebnisse als die Einzelwerte. Zwischen den verschiedenen Ausbildungsabschnitten wurde das Gelände stets neu beurteilt. Je nach Situation war beispielsweise zu prüfen, welche Sicht das Gelände bietet, oder wo man Deckung und Tarnschutz findet. Das Gebiet rund um Arnstein ist, wie die allermeisten Teile Deutschlands, eine dauerhaft vom Menschen geprägte Landschaft. Wo heute noch hoher Mais Sichtschutz bietet, kann morgen bereits ein abgeerntetes Feld die bisherige Route unbrauchbar machen. Einzig der Wald bietet zuverlässigen Schutz gegen unerwünschte Beobachter. Der Wald erschwert jedoch das Vorankommen und ist in vielen Regionen nur noch spärlich vorhanden. Beinhaltet der Ernstfall eine Bedrohung durch Waffenwirkung, sollte man sich ohnehin möglichst nur im Schutz der Dunkelheit bewegen.

Der Autor an einer Ausbildungsstation – das Zeichnen von verschiedenen Skizzentypen zählt zum Einmaleins der Lehrgangsinhalte


Orientierung mit Karten und Skizzen
Zu Beginn des Kurses erhielten die Teilnehmer eine amtliche topographische Karte der Region im Maßstab 1:25000 (ATK25), einen Bleistift und einen wasserfesten Notizblock im Taschenformat. Der Detailreichtum des Kartenmaterials ist bemerkenswert. Sogar Trampelpfade und einzelne Baumreihen sind verzeichnet. Eine Karte ersetzt zwar niemals den Blick ins Gelände, ist aber für eine detaillierte Routenplanung unerlässlich. Es besteht jedoch nicht immer die Möglichkeit, eine Karte mit sich zu führen. Deshalb kann es erforderlich sein, eine Wegeskizze anzufertigen. Eine gute Skizze stellt das Wesentliche einfach, übersichtlich und deutlich dar. Hierfür wird zuerst der passende Kartenausschnitt gewählt. Anschließend werden die relevanten Informationen auf den Notizblock übertragen. Dabei ist sicherzustellen, dass alle Abzweigungen auf der Bewegungslinie gekennzeichnet sind. Zusätzlich kann die Skizze durch markante Punkte oder Geländeeigenschaften ergänzt werden. Durch die Angabe von Entfernungen und der Himmelsrichtung wird die Skizze vervollständigt. Die Qualität der Skizzen ließ sich leicht überprüfen, indem diese als einzige Orientierungshilfe auf dem Weg zur jeweils nächsten Station verwendet wurden. Teil der Ausbildung ist das Erstellen weiterer Skizzenarten, wie z.B. der Ansichtsskizze oder der Sichtmarkentafel. Zeichnerisches Talent ist von Vorteil, aber Übung macht den Meister. Im Verlauf des Lehrgangs wurden zahlreiche Skizzen erstellt. Der Entwicklungsfortschritt ließ sich beim Vergleich der ersten Versuche mit den letzten Aufzeichnungen unschwer erkennen.

Alle wichtigen Geländemerkmale eines solchen Ausblicks in eine Skizze zu packen und nur die wesentlichen Informationen festzuhalten, ist für viele eine Herausforderung


Bewegung und Entfaltung
Die Streckenabschnitte zwischen den jeweiligen Ausbildungsstationen wurden genutzt, um verschiedene Bewegungsformen kennenzulernen. Die Formation „Reihe“ zählt zu den tiefen Bewegungsformen und wird auf herkömmlichen Wegen eingenommen. Sie bildet sich hinter dem Gruppenführer oder dem in der befohlenen Marschrichtung vorangehenden Zweiertrupp. Die Abstände und Zwischenräume sind nicht fest vorgegeben, sondern werden der Lage, dem Gelände und der Sicht entsprechend angepasst. Während dem Marsch wurde immer wieder Blickkontakt zum Gruppenführer hergestellt, da die Kommunikation vorwiegend über Handzeichen erfolgte. Mit erhobener Hand wurde Verbindung aufgenommen und das Signal von Trupp zu Trupp weitergeleitet. Somit war sichergestellt, dass auch Teile der Gruppe ohne direkten Sichtkontakt zum Gruppenführer sämtliche Anweisungen erhielten. Die Ausbilder verzichteten auf unnötige Zeichensprache. Zahlreiche aus dem Militär bekannte Handzeichen wurden durch schlichtes Vor- und Nachmachen ersetzt, was erstaunlich gut funktionierte. Die breite Bewegungsform „Rudel“ eignet sich vor allem für unübersichtliches Gelände. Die Zweiertrupps entfalten sich dabei links und rechts vom Gruppenführer und warten auf den Marschbefehl. Diese Formation eignet sich auch zur Überquerung von Straßen, welche die Bewegungslinie kreuzen. Von der Seite her gesehen lässt sie keinen Rückschluss auf die Größe der Gruppe zu. Die eigentliche Überquerung (der Sprung) dauert nur einen kurzen Moment. Für jede Bewegung gilt analog zum militärischen Prinzip „Feuer und Bewegung“ die Routine „überwachen und bewegen“. So wird sichergestellt, dass sich kein Trupp bewegt, ohne dass ein anderer Trupp die Umgebung nach möglichen Bedrohungen absucht. Nur so ist es möglich, sich jeglicher Beobachtung und Waffenwirkung zu entziehen, um unverletzt zum Ziel zu gelangen.

Durch die Größe der Ausbildungsgruppe (der Autor besuchte einen Kurs mit 16 Teilnehmern) entsteht eine positiv motivierende Gruppendynamik, die durch Gesamtzusammenhalt und das intensive Arbeiten im 2-Mann-Trupp geprägt wird


Nachtlager und Spähtrupp
Am frühen Abend erreichte die Gruppe die letzte Station des Tages. Von außen nicht einsehbar, befand sich auf einer bewaldeten Anhöhe eine Lichtung. Ein geeigneter Ort für das Nachtlager. Auf der Suche nach einem gemütlichen Schlafplatz bot sich die Wahl zwischen Ameisenhaufen und Dornengestrüpp. Letzteres stellte sich als das geringere Übel heraus, da sich die aggressiven Bewohner der Lichtung wenig erfreut über uns Eindringlinge zeigten und nach kurzer Zeit zum Angriff übergingen. Nachdem jeder Gelegenheit hatte, sich einzurichten und eine Stärkung zu sich zu nehmen, versammelte sich die Gruppe bei Einbruch der Dunkelheit vor dem Lagerplatz. Es folgte die Einweisung in den Spähtrupp. Ein Spähtrupp ist leicht ausgerüstet, soll viel sehen und hören und nicht erkannt werden. Als vorbereitende Maßnahmen wurden deshalb alle glänzenden oder reflektierenden Gegenstände vom Mann entfernt, ebenso alle Schriftstücke, Aufzeichnungen und Skizzen, welche über die Verbindungen oder den Lagerort der Gruppe Auskunft geben könnten. Parat gemacht wurden das Überlebenspaket, Regenschutz sowie genügend Trinkwasser für den Notfall. Das Ziel des Unternehmens war die Informationsgewinnung über ein ca. 1,5 Kilometer entferntes Objekt. Zur Planung gehörte der Blick ins Gelände ebenso, wie das Studieren von Karten und Skizzen. Nachdem die Bewegungslinie, Sammelpunkte und Erkennungszeichen festgelegt wurden, gab der Spähtruppführer das Signal für den Einsatz. Von nun an wurde nur noch durch Zeichen oder Beispiel geführt. Der Spähtrupp arbeitete sich vorsichtig und unauffällig an das Zielobjekt heran. Am Beobachtungspunkt angelangt wurden die Ohren gespitzt. In der Dunkelheit traten aus der Stille selbst leise Geräusche klar und deutlich hervor. Der Wind trug Stimmen einer Unterhaltung herbei, welche den Blicken jedoch verborgen blieb. Auf einen Schlag setzte aus der Ferne ein donnerndes Grollen ein, gefolgt von heftigem Geknatter. Granatwerfer und Maschinengewehrfeuer wechselten sich gegenseitig ab. Das Nachtschiessen auf dem ca. 15 Kilometer entfernt gelegenen Truppenübungsplatz Hammelburg trug zur Atmosphäre dieser nächtlichen Übungsmission bei.

Die Prüfung
Ein lauter Pfiff beendete die Nachtruhe. Kurze Zeit später versammelten sich alle Teilnehmer vor dem Lager und erhielten die Instruktionen für die Abschlussprüfung. Die Prüfung bestand aus zwei Teilen: 1. Erstellen einer Wegeskizze vom Lagerort zurück zum Ausgangspunkt des Lehrgangs, der Burg Arnstein; 2. Erreichen der Burg innerhalb von 60 Minuten (Marschleistung ca. 4 km). Die Prüfung wurde im mittlerweile eingespielten Zweiertrupp absolviert. Der Autor und sein Kamerad einigten sich schnell auf die wichtigsten Kriterien: Die Bewegungslinie sollte ausreichend Sichtschutz bieten, damit wir möglichst unauffällig zum Ziel gelangen. Kräftezehrende Höhenwechsel sollten vermieden werden, damit das Ziel in der vorgegebenen Zeit erreicht werden konnte. Die Wahl fiel letztlich auf eine parallel zu einem Bach verlaufende Bewegungslinie, welche durch verschiedene Waldstücke bis nach Arnstein führte. Es blieben nur wenige Minuten, um die Skizze zu erstellen, bevor das Kartenmaterial abgegeben und der Rucksack ein letztes Mal geschultert wurde. Im Eilmarsch erreichten wir nach knapp einer Stunde die Burg. Dort warteten bereits einige erschöpft aber zufrieden dreinblickende Gesichter. Die Prüfung war bestanden, der Lehrgang erfolgreich absolviert.

Fazit
Die im Lehrgang SCOUT II erworbenen Fertigkeiten ermöglichen den Teilnehmern in Krisensituationen handlungsfähig zu bleiben – und zwar weitestgehend ohne technische Hilfsmittel. Teamgeist und Hilfsbereitschaft prägten die besondere Atmosphäre dieses Lehrgangs. Sowohl die professionelle Kursorganisation als auch der gut durchdachte inhaltliche Aufbau sorgten von Anfang bis Ende für eine steile Lernkurve. Die Ausbilder verfügen über enormes Fachwissen und gewährleisteten über die gesamte Kursdauer einen kontinuierlichen Informationstransfer. Dies erforderte von den Teilnehmern ein hohes Maß an Konzentration. Auch die körperliche Belastbarkeit wurde auf die Probe gestellt, denn nur wer außerhalb der eigenen Komfortzone trainiert, ist für den Ernstfall gewappnet.

Service
Der nächste Lehrgang SCOUT II findet am 25./26. Juli 2020 statt. Das Seminar SCOUT I ist Teilnahmevoraussetzung und findet mindestens einmal im Quartal statt. Anmeldung und weitere Informationen unter www.lehrmanufaktur.com

Referenzen