Donnerstag, 14. Oktober 2021

Akademie 0/500®: Flinte Homedefense

 

Eine weiterer Flinte Homedefense ist in den Büchern. In den letzten Jahren ist dieser 2-Tageskurs programmatisch zum umfassendsten Kursmodul bei Akademie 0/500 herangewachsen. Er findet nur zwei oder drei Mal im Jahr statt. Austragungsort ist ausschließlich Tschechien



Die Mossberg 590A1 bewährte sich ein weiteres Mal als Waffe zum Vorschießen einiger Übungen. Der Anwender lernt die Vorzüge dieses Flintenmodells schnell zu schätzen. Die 590A1 mit ihrem 45 Zentimeter kurzen Lauf und dem kurzen Röhrenmagazin für lediglich sechs Patronen ist außerordentlich leicht und führig. Auf dem Glattrohrlauf befindet sich eine sehr taugliche Büchsenvisierung aus Kimme und Korn.

Eine Flinte sollte mindestens eine büchsenähnliche
Visierung aus Kimme und Korn haben




Der so genannte Shell Storage Stock von Mossberg erlaubt die Unterbringung von zweimal zwei Patronen am Schaft; bspw. können hier Flintenlaufgeschosse für einen Munitionswechsel vorgehalten werden. Eine hohe Magazinkapazität ist beim praktischen und realitätsbezogenen Einsatz von Flinten kein entscheidendes Merkmal. Die meisten Konfrontationen, an denen Flinten beteiligt sind, sind wohl nach zwei Schuss beendet.

Der Shell Storage Stock® von Mossberg erlaubt die
Unterbringung von zweimal zwei Patronen am Schaft


Wirkungszonen
Die 590A1 wurde ein weiteres Mal durch die Wirkungszonenmethode geführt. Grundidee dieser Schießübung ist die Analyse, bis zu welcher Maximalentfernung der Einsatz von Buck Shot (Postenschrot) gerade noch vertretbar erscheint. Als akzeptabel gilt, wenn alle Posten innerhalb einer Trefferfläche von der Größe eines A4-Blattes (sog. B-Zone) liegen. Die Resultate dieses Tests sind je nach Kombination aus Flintenmodell und Laborierung sehr individuell. Es obliegt dem Anwender, die ideale Kombination zu finden, mit der sich die Buck Shot Distanz maximal ausdehnen lässt. Man spricht dabei auch von der B-Trefferzone.

Wirkungszonen mit der Mossberg 590A1
und Buck Shot von GECO



Munitionswechsel
Wird im Kampf diese Distanz überschritten, muss ein Munitionswechsel auf Slug erfolgen. Typischerweise passiert das ab zwölf Meter. Vereinzelt liefern speziell konstruierte Buck Shot Laborierungen B-Zonen Treffer bis zu 15 Meter oder gar darüber hinaus. Die maximale Einsatzdistanz eines Flintenlaufgeschoss wiederum hängt maßgeblich von der Qualität der Visiereinrichtung und natürlich des Munitionsfabrikats ab. Bei 30 Meter oder aller spätestens bei 40 Meter endet der sinnvolle Einsatzbereich einer Flinte, selbst bei Verwendung von Flintenlaufgeschossen.

Bei über 12 Meter = Flintenlaufgeschoss:
Eine Notiz auf dem Systemkasten, die
sinnvoller ist, als jedes Anbauteil

Treffergruppe einer Mossberg 590A1 mit
Büchsenvisierung von zehn bis 40 Meter


Tactical Buck Shot
Vom US-amerikanischen Hersteller Federal gibt es sog. Tactical Buck Shot der Körnung 00. Diese Laborierung wurde darauf optimiert, die Entfernung der B-Trefferzone maximal zu erhöhen. Die Erfahrung zeigt, dass mit Federal Tactical Buck Shot und Flintenmodellübergreifend die B-Zone auf 15 oder gar 20 Meter ausgedehnt werden kann, ohne das einzelne Posten das A4-Blatt verlassen.

Federal Tactical Buck Shot wurde darauf optimiert,
die Entfernung der B-Trefferzone maximal zu erhöhen



Supine
Ein wesentlicher Lehrinhalt des Moduls Flinte Homedefense ist das Schießen aus Rückenlage. Die sog. Position Supine stellt im Bereich der unkonventionellen Schießpositionen eine typische Notfallposition dar. Sie wird nie freiwillig eingenommen, sondern ist das Resultat eines Sturzes aufgrund Schlag oder Fehltritt.
Zum einen ist es für den Anwender wichtig, einige Male aus Supine geschossen zu haben. Insbesondere mit einer Flinte im Kaliber 12 möchte man das nicht den ganzen Tag machen. Zum anderen sollte auch das Aufrichten zurück in eine stehende Position mittels standardisierten Bewegungsablaufs geübt werden.
Supine offenbart außerdem Ausrüstungsdefizite. Fällt in Rückenlage die Pistole aus dem Holster, ist das Holster untauglich und sollte entsorgt werden. Bohrt sich die Mündung der Pistole in Rückenlage oder beim Aufrichten in den Boden, ist die Trageweise der Pistole ebenfalls ungeeignet.

Schießen aus der Notfallposition Supine: Mit einer
Flinte möchte man das nicht den ganzen Tag machen



Weitere Ausrüstungsdefizite
Ausrüstungsgegenstände, die beim Training ausfallen, werden das mit hoher Wahrscheinlichkeit auch im Ernstfall tun. Das gilt neben dem Holster oder der Trageweise einer Kurzwaffe auch für die Wahl des Trageriemens an der Langwaffe oder die Art und Weise der Riemenbefestigungen selbst.

Riemenbefestigung
In einem Fall nutzte ein Teilnehmer die Befestigungsöse am vorderen Ende des Röhrenmagazins. An dieser exponierten Stelle ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Trageriemen vor die Mündung kommt. Spätestens beim Schießen aus unkonventionellen Positionen nimmt das Drama seinen Lauf. Im schlimmsten Fall zerschießt sich der Anwender aber nur seinen Trageriemen.

Diese Trageriemenbefestigung befand sich
beim Schuss teils vor der Mündung

Optimiert: Riemenbefestigung mit einem Stück Schnur



Persönliche Vorbereitung
Um Spaß und maximale Lernkurve zu gewährleisten, ist es wichtig, gut vorbereitet zum Kurs zu erscheinen. Der Teilnehmer muss zwingend mit der Handhabung seiner Flinte vertraut sein und die Funktion aller Bedienelemente kennen. Erfahrungsgemäß sind insbesondere Nutzer von Selbstladeflinten nicht mit allen Bedienelementen vertraut. Zugangsvoraussetzung für das Modul Flinte Homedefense ist die erfolgreiche Teilnahme am 1-Tages-Kurs Flinte.

Fazit
Die nächsten Kurse Flinte Homedefense sind für Mai und September 2022 angesetzt.

Service
Akademie 0/500

Mossberg 590A1 Retrograde mit Erstvorstellung und Kurztest
https://feuerkampf-und-taktik.blogspot.com/2020/02/mossberg-590a1-retrograde.html
https://feuerkampf-und-taktik.blogspot.com/2020/12/arbeitstier-mit-charme-mossberg-590a1.html

Grundsatzartikel zum Kursmodul Flinte Homedefense
https://feuerkampf-und-taktik.blogspot.com/2019/08/flinte-homedefense-mit-akademie-0500.html

Zusammenfassung von Schwerpunkten: Das Home Defense Paket
https://feuerkampf-und-taktik.blogspot.com/2021/02/das-home-defense-paket.html

Einsatzdistanzen bei Flinten
https://feuerkampf-und-taktik.blogspot.com/2021/07/munitionswechsel-bei-flinten.html

Sonntag, 10. Oktober 2021

Akademie 0/500: Neue Termine 2022

 

Die Termine bis August 2022 sind veröffentlicht: Terminliste

Die Liste wird in den kommenden Wochen noch ergänzt.
Am 29. und 30. April 2022 (Freitag/Samstag) ist ein Sonderformat geplant zum Thema AK-Systeme. Mit weitreichender Theorie und Praxis. Austragungsort: Tschechien
Nähere Informationen folgen in Kürze

 



 

Donnerstag, 7. Oktober 2021

Leseempfehlung: Von der Diktatur zur Demokratie

Ein Leitfaden für die Befreiung
von Gene Sharp

Taschenbuch: 119 Seiten
Verlag: Beck Verlag (4. Auflage 2014)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3406671562
Preis: 9,95 Euro
Direktbestellung



Der Autor und Politikwissenschaftler Gene Sharp (1928 – 2018) gilt als einer der visionärsten Vordenker des Zwanzigsten Jahrhunderts in Bezug auf gewaltfreie Revolution und gewaltlosen Sturz von Diktaturen. Seine zahlreichen Publikationen wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt und avancierten zu Bestsellern. Zweimal wurde Gene Sharp für den Friedensnobelpreis nominiert. Seine Methoden der gewaltfreien Aktionen fanden nachweislich Anwendung bei den Befreiungsbewegungen in Myanmar (1992), in Georgien (2003), Ukraine (2004) und insbesondere in Ägypten (2011).
Eine der vordergründigen Erkenntnisse Sharps aus Forschung und Realität ist, dass selbst festverankerte und unerschütterliche Diktaturen nicht in der Lage sind, dem konzentrierten politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Widerstand eines Volkes standzuhalten.
Das Buch oder vielmehr die Broschüre „Von der Diktatur zur Demokratie“ gliedert sich in zehn Kapitel mit logischer Abfolge. Fast jede der 88 Textseiten birgt Erkenntnisgewinn.

Gewalt ist keine Option
Im Kapitel „Diktaturen realistisch begegnen“ verneint Sharp die Gewaltoption und begründet das mit der Tatsache, das gewaltsame Mittel genau die Kampfmethode ist, bei der die Unterdrücker immer überlegen sind. Ebenso verwirft Gene Sharp die Variante eines Guerillakriegs. Sollten die Guerillakämpfer am Ende wirklich siegen, ist das daraus hervorgehende Regime oft noch diktatorischer als sein Vorgänger. Unabhängige gesellschaftliche Gruppen und Institutionen werden während eines Guerillakriegs geschwächt oder ganz zerschlagen. Gerade sie sind aber für den Wiederaufbau einer funktionierenden Gesellschaft von zentraler Bedeutung.
Gleichwohl gesteht Gene Sharp ein, das gewaltsame Rebellionen bemerkenswerte Erfolge erzielen konnten, jedoch fast nie die Freiheit errungen haben.

Nichtzusammenarbeit
Weiterführend erläutert Sharp die Quellen der politischen Macht und leitet daraus Schwächen ab, die jeder Diktatur innewohnen. Ein zentraler Baustein ist bei Gene Sharp die Idee der Nichtzusammenarbeit. Wenn genügend Untergebene trotz repressiver Maßnahmen ihre Kooperation lange genug verweigern, wird das Unterdrückungssystem geschwächt und am Ende zusammenbrechen. Sharp führt dazu insgesamt 198 kleine Instrumente des gewaltlosen Vorgehens auf. Er teilt diese in:
(A) Methoden des gewaltlosen Protests
(B) Methoden sozialer Nichtzusammenarbeit
(C) Methoden wirtschaftlicher Nichtzusammenarbeit
(D) Methoden politischer Nichtzusammenarbeit und
(E) Methoden gewaltloser Intervention

In den Kapiteln neun und zehn geht es schlussendlich um die Zerschlagung der Diktatur sowie die Grundlagen einer dauerhaften Demokratie.

Wo viel Licht, da auch viel Schatten
Jedes Lehrbuch zum gewaltlosen Sturz von Diktaturen ist gleichsam ein Lehrbuch zum Erhalt von Diktaturen. Wenn es zur gewaltfreien Revolution ein Volk braucht, das entschlossen und solidarisch ist, das sich gegenseitig vertraut und zusammensteht, das sich verbündet und organisiert und mit einem hohen Maß an Disziplin einer Strategie folgt, dann sind Gegenmaßnahmen der Diktatur sehr einfach: Im Volk wird Angst, Zwietracht, Neid und Hass gesät. Soziale, politische, ökonomische und sogar religiöse Institutionen werden unter staatliche Kontrolle gebracht. Die Bevölkerung wird regelrecht atomisiert und durch Kontaktverbote und Lock-Down in eine Masse isolierter Einzelner verwandelt. Sie wird eingeschüchtert und gegeneinander aufgehetzt. Vorgenannte Institutionen unter staatlicher Kontrolle liefern für diese Maßnahmen eigens wissenschaftliche oder rechtliche Begründungen.

Coverbild
Das unkreative und lieblos gestaltete Coverbild des Buches ohne jeden Sachzusammenhang zum Inhalt sollte keinen Leser vom Kauf abhalten.


Dienstag, 5. Oktober 2021

Bewaffnete Konfrontationen: „Don’t let him win from the Grave“

 

Analysiert man bewaffnete Konfrontationen und die Lektionen, die der Überlebende daraus mitnimmt, kristallisieren sich immer wieder zehn Punkte heraus. Relativ unerheblich ist dabei, ob es sich um Konfrontationen im privaten Umfeld handelt oder beim Militär

Von Arne Mühlenkamp


1.) BAD (I): Brutalste Gewalt
Das Akronym BAD steht für brutal, aggressiv, dynamisch. Hat die Konfrontation und damit der Kampf ums eigene Leben begonnen, müssen sich alle Handlungsweisen an diesen drei Punkten ausrichten. Rücksichtslose Gewaltanwendung ist das Motto. Die Fähigkeit, gewissermaßen auf Knopfdruck Gewaltbereitschaft herstellen zu können und Gewalt in brutalster Form anzuwenden, ist nach Darstellung derer, die schwere Konfrontationen überlebt haben, ein Schlüsselelement.

2.) Imagination
Mentalkonditionierung durch Imagination ist eine bewährte Methode, um Hochstressphasen nicht nur planbarer zu gestalten, sondern auch den eigenen Erfolg wahrscheinlicher werden zu lassen. Im Leistungssport bspw. findet Imagination als Trainingsmethode regelmäßig Anwendung. Wenn auch mit dem Unterschied, dass Leistungssportler mit Ausnahme bei sog. Extremsportarten selten um ihr Leben fürchten müssen. Beim Imaginationstraining wird geistig ein Video erstellt, wie das eigene Handeln in einer bestimmten Situation (in diesem Fall einer bewaffneten Konfrontation) im Idealfall ablaufen soll. Die Sequenz sollte etwa sechzig Sekunden umfassen, wobei zwei Blickwinkel denkbar sind: Entweder aus eigener Sicht oder aus Sicht eines Dritten (man sieht sich selbst handeln). Die Sequenz sollte außerdem immer zu einem neutralen Zeitpunkt beginnen (nicht mitten in der Konfrontation) und natürlich mit einem positiven Resultat enden.
Der US-amerikanische Schießausbilder und ehemalige Delta-Force-Angehörige Paul Howe ergänzt darüber hinaus noch in seinem Buch „Leadership and Training for the Fight“, dass er bei seinem Mentaltraining immer davon ausgegangen ist, dass es ein harter Kampf wird. Dass er einen Gegner haben wird, der genauso gut vorbereitet ist und den gleichen Willen zum Sieg hat wie er. Einen Gegner, den man sprichwörtlich „in Stücke schießen muss“, um zu gewinnen.

3.) Selbstschutz (materiell)
Die greifbarste Maßnahme für den eigenen Schutz, ist das Tragen einer Schutzweste. Von Beteiligten einer Scheißerei wird die Schutzweste regelmäßig als Lebensretter klassifiziert. Mitunter weißt die Weste im Nachgang Treffer auf, die tödliche Wirkung gehabt hätten. Was im militärischen und teils auch im polizeilichen Bereich zur Routine geworden ist, stellt sich für einen Privatier problematischer dar. Zwar ist, zumindest in der Bundesrepublik, die Verfügbarkeit von Schutzwesten aller Schutzklassen gegeben, das permanente Tragen lässt sich jedoch kaum in den privaten Alltag integrieren.

4.) Der (unfaire) Vorteil
„Always cheat always win“, eine Erfahrung, die bei vielen verteidigungsorientierten Ausbildungen zum Lehrinhalt geworden ist. Ritterlichkeit und Edelmut muss man sich in einer Konfrontation leisten können. Oder wie es der US-Ausbilder James Yeager von Tactical Response einmal formulierte: „Befindest Du Dich in einem fairen Fight, wendest Du die falsche Taktik an.“
In jeder Konfrontation gibt es den Augenblick, in dem das Gegenüber abgelenkt ist. Diese Zeitfenster sind kurz und selten. Sie müssen aber genutzt werden, um sich selbst den unfairen Vorteil zu verschaffen.

5.) Ausrüstungs(un)abhängigkeit
Ausrüstungsaberglaube ist eine typisch US-amerikanische Betrachtungsweise mit einer Überwertung von Ausrüstungsgegenständen. Wenn etwas nicht klappt, dann war die Ausrüstung nicht spezialisiert genug. Jeder Ausrüstungsgegenstand kann seinen Dienst versagen und wird das typischerweise zu einem Zeitpunkt tun, an dem er dringend benötigt wird. Im Training eine grundsätzliche Ausrüstungsunabhängigkeit herzustellen, ist das Ziel. Im Bereich der Schusswaffenanwendung ist es daher belanglos, ob die Waffe das neuste Leuchtpunktvisier mit dem innovativsten Absehen hat oder, ob das Kaliber speziell für Selbstverteidigungszwecke konstruiert wurde. Solange es eine Schusswaffe ist, die vorhanden ist und zuverlässig funktioniert, wird sie dem Zweck weitestgehend entsprechen. Versagt die Schusswaffe ihren Dienst, werden andere Hilfsmittel für die Gewaltanwendung eingesetzt. Diese Transition sollte Bestandteil des Imaginationstrainings sein. Zwischen zwei gleichwertig ausgerüsteten Opponenten entscheidet letztlich der Trainingsvorteil über Sieg oder Niederlage.

6.) Erkannte Schwächen
Es gehört zur menschlichen Natur, vorwiegend die Dinge zu trainieren, die man gut kann. Und die Dinge zu vernachlässigen, die man weniger gut beherrscht. Die Trainingssitzung wird mit einem guten Gefühl beendet. In einer realen Konfrontation jedoch wird sich dieser Selbstbetrug rächen. Die eigenen Schwächen zu analysieren und einem Trainingsplan zu folgen, der insbesondere auf diese Schwächen fokussiert, ist eine weitere zentrale Aussage aller Berichte zum Thema.
Entscheidend ist nicht der Wille zum Sieg. Sondern der Wille zur permanenten Vorbereitung auf die mögliche Konfrontation.
Die Verfügbarkeit von Trainingszeit darf nicht dem Zufall überlassen werden. Neben dem Tagesgeschäft und anderen Verpflichtungen sollte ein definiertes Zeitpensum für das eigene Training budgetiert worden sein; für Mentaltraining, körperliche Fitness, fachspezifische Themen und externe Weiterbildungen. Übernimmt die Dienststelle keine Kosten für externe Ausbildung, dann müssen externe Weiterbildungen aus eigener Tasche bezahlt werden. Das Ganze ist eine Investition in sich selbst.

7.) Körperliche Fitness
Körperliche Fitness ist Grundvoraussetzung. Ein leistungssportähnliches Niveau abrufen zu können, ist gleichwohl nicht erforderlich. Allerdings sollte ein kurzer oder längerer Sprint machbar sein. Genauso wie das Heben und Tragen einer schweren Last. Ein Sprung über ein Hindernis oder aus zwei bis drei Meter in Tiefe, sollte verletzungsfrei zu bewerkstelligen sein. Das Training von funktionaler Kraft bei einer altersgerechten Belastung sollte regelmäßig, d.h. täglich oder aller zwei Tage erfolgen.

8.) BAD (II): Bis die Lichter ausgehen…

Der Kampf ist erst vorbei, wenn die Lichter ausgehen. Entweder bei einem selbst oder vorzugsweise beim Gegner. Paul Howe beschreibt das in seinem Buch wiederum als: „Fight through“ Mentalität. Auch dieser Punkt lässt sich durch Mentalkonditionierung und Imagination trainieren und verbessern. Brutal, aggressiv, dynamisch.

9.) Wundversorgung
Die Wahrscheinlichkeit in einer bewaffneten Konfrontation verletzt zu werden, ist hoch. Grundkenntnisse in der Wundversorgung zu besitzen, wird ebenfalls von allen Beteiligten als wesentlich umrissen. Das Thema hat aufgrund der öffentlichen Rezeption des militärischen Tactical Combat Casualty Care (TCCC) dankenswerterweise an Komplexität verloren. Es gibt eine Vielzahl von Seminaranbietern, die sich mit präklinischen Erste-Hilfe-Maßnahmen befassen. Grundkenntnisse im Bereich der Wundversorgung zu erwerben, gelingt bereits während eines Tagesseminars. Entsprechende Ausrüstung kann in Kleinstverpackungen permanent mitgeführt werden. Das Ziel ist, trotz lebensbedrohlicher Verwundung, die Zeitspanne von 20 bis 30 Minuten bis zum Eintreffen eines Notarztes zu überbrücken.

10.) „Don’t let him win from Grave“
Eine Schießerei ist nie mit dem letzten Schuss beendet. Der US-amerikanische Schießausbilder Gabe Suarez formulierte einmal das Konstrukt, dass nach dem eigentlichen „Fight“ noch der juristische Kampf sowie der emotionale Kampf folgen werden. Selbst wenn der Kampf ums eigene Leben gewonnen wurde, wird nicht selten der emotionale Kampf verloren. Mitunter erst viele Jahre später. Jahre, die von Selbstzweifel und Schuldgefühlen geprägt waren. Der Kampf ist vorbei. Du hast gewonnen. Ende des Dramas. „Lass den Gegner nicht aus dem Grab heraus gewinnen“, ist vermutlich die einprägsamste dieser zehn Lektionen.


Literaturempfehlungen


Paul R. Howe: Leadership and Training for the Fight
Taschenbuch: 464 Seiten
Verlag: Skyhorse Publishing (2011)
Sprache: Englisch
ISBN-13: 978-1616083045
Preis: ca. 14 Euro




Jason Selk: 10-Minutes Toughness
Taschenbuch: 200 Seiten
Verlag: McGraw-Hill Education (2008)
Sprache: Englisch
ISBN-13: 978- 0071600637
Preis: ca. 20 Euro


Bewaffnete Konfrontationen (1): Fallanalysen

 

 

Freitag, 1. Oktober 2021

Standardübung (29): Strong/Weak 2/2

 

Die Standardübung „Strong/Weak 2/2“ stammt aus dem Tactical Pistol Instructor Programm von Paul Howe (CSAT Texas). Sie beansprucht das einhändige Schießen mit starker Seite und schwacher Seite unter Zeitdruck und ist die, der insgesamt zehn Übungen, die im Test fast nie erfüllt wird

 

Paul Howe demonstriert Ziehvorgang und Anschlag
während eines Tactical Pistol Instructor Kurses
(Foto aus 2008)



Ursprung
Die Übung hat ihren Ursprung im Tactical Pistol Instructor Kurs der texanischen Schießschule Combatshooting and Tactics (CSAT), welche vom Delta Force Veteran Paul Howe bestrieben wird. Strong/Weak 2/2 ist Standard Nummer 6 aus insgesamt zehn Standard-Drills, die ein Absolvent in einem Durchgang fehlerfrei schießen muss, um als Tactical Pistol Instructor zertifiziert zu werden. Neben dem Schießtest müssen Absolventen noch einen theoretischen Test bestehen und eine Lehrprobe durchführen.

Ablauf
Die Entfernung zum Ziel beträgt sieben Yards. Ausgangsposition des Schützen ist mit beiden Händen an der Waffe in einer Bereitschaftsposition (bspw. Position 3). Auf das Timersignal geht er in den einhändigen Rechtsanschlag und gibt zwei Schüsse ab. Er übergibt die Waffe in die linke Hand und gibt im einhändigen Linksanschlag ebenfalls zwei Schüsse ab. Insgesamt hat er dafür fünf Sekunden Zeit. Die Übung gilt nur ohne Fehlschuss als erfüllt.

Elemente
Geübt werden die Anschlagsvarianten einhändig Rechts und einhändig Links sowie das Übergeben der Waffe unter Zeitdruck. Die Fähigkeit, jeweils einhändig einen Doppelschuss abzugeben ist ebenfalls Element dieser Standardübung.

Die typische CSAT Scheibe.
Alle Treffer müssen innerhalb
der rechteckigen Box sein
(Foto aus 2008)


Zielmedium
Das Zielmedium ist die rechteckige Box im CSAT Target mit den Abmaßen 15 mal 32 Zentimeter.

Fehler
Die Übung offenbart Defizite im einhändigen Schießen schonungslos. Was ohne Zeitvorgabe vielleicht noch machbar erscheint, gerät im Zeitfenster von lediglich fünf Sekunden teilweise zum Fiasko. Abzugskontrolle mit der Schusshand als auch mit Unterstützungshand ist der wichtigste Baustein für das Gelingen dieser Standardübung. Sinnvoll ist es, die korrekte Abzugskontrolle Rechts / Links durch Übungen ohne Zeitbegrenzung zuerst einmal zu manifestieren. Die Standardübung #27 (L/R-Standard) und #28 (L/R-Dot Drill) bieten sich dafür an.
Neben der Abzugskontrolle als wesentliche Grundfertigkeit ist auch eine defizitäre Schießtechnik Fehlerursache. Der jeweilige Schussarm sollte in die volle Streckung gebracht werden. Das Schultergelenk kann dabei angespannt bzw. arretiert sein. Der Körper sollte sich entsprechend eindrehen und nicht mehr frontal zum Ziel stehen. Somit wird eine natürlichere Körperhaltung hergestellt, die in gewisser Weise den Natural Point of Aim (NPoA) im einhändigen Anschlag unterstützt.

Schusszahl & Zeitansatz
Für einen Durchgang sind vier Schuss erforderlich. Der Zeitansatz inkl. Auswertung liegt bei weniger als einer Minute.

Steigerungsmöglichkeit
Eine Steigerungsmöglichkeit ist nicht vorgesehen. Allerdings ist eine Vereinfachung möglich, indem die Übung bei selber Zielgröße aus fünf Meter Entfernung absolviert wird.

Service
Zielmedien Download über: https://0-500.org/page/Dateien


Donnerstag, 30. September 2021

Die Waffenkultur – Ausgabe 60 (September/Oktober 2021)

 

Ausgabe 60 (September/Oktober 2021)


Die September/Oktober Ausgabe hat folgenden Inhalt:

Infanterieporträt (3): Das Telemark Bataillon
Die Attentatspistole: FN Browning Modell 1910
Meisterstück: Pistole Walther PDP in 9x19
Unkonventionelle Schießposition: SBU Prone
Bewaffnete Konfrontationen: 10 Lehren
Trainingsmentalität: Wider dem fetten Ego
Standardübungen (29): Strong/Weak 2/2
Beamtentasche?: TT Officers Bag
Das Kalenderblatt: 78 Jahre Operation Gunnerside
Buchempfehlung: Von der Diktatur zur Demokratie

http://waffenkultur.com

Dienstag, 28. September 2021

Langzeittest: Black Label M4 – Nr. 155

 

Gewehrmodul CCO (½ & ½ Drill)

Gesamtschusszahl: 16.100 + 30 = 16.130
Davon mit SD: 860
Neuer Lauf bei: 13.400

Störungen Typ I: 0
Störungen Typ II: 0
Störungen Typ III: 0
Störungen Typ IV: 0



Das Black Label M4 teilt sich die Schussbelastung derzeit mit dem neu angeschafften OA-15 M5. Auf einem Gewehrkurs absolvierte die Waffe daher nur den ½ & ½ Drill mit exakt 30 Schuss.
Der ½ & ½ Drill mit seinen drei Teilübungen aus zwanzig, zehn und fünf Yard lässt sich mit einer offenen Visierung einfacher schießen. Darüber hinaus ist das Black Label eine außerordentlich leichte Waffe, was den Gebrauch zusätzlich vereinfacht.
Es ist erstaunlich, wie „wenig“ Waffe erforderlich ist, um diese Fortgeschrittenenübung fehlerfrei zu bewältigen. Teure Anbauteile erzeugen nicht unbedingt einen Zusatznutzen – schon gar nicht proportional zu ihren Anschaffungskosten.
Die einzige dauerhafte Modifikation, die am Black Label während des Langzeittestes stattfand, war der Austausch der Standard A2-Tragegriffvisierung gegen ein Klappkorn des Herstellers TROY.



Beim aktuellen Durchgang blieb der ½ & ½ Drill aufgrund zweier Schützenfehler nicht fehlerfrei. Aus zwanzig Yard gab es einen Fehlschuss; aus zehn Yard eine Zeitüberschreitung um sechs Zehntel.



Archiv
Beginn des Langzeittest im September 2014


Mittwoch, 15. September 2021

Akademie 0/500®: Integriertes Trockentraining

 

Den 100-Meter-Simulations Drill mit einem Double-Action Abzug zu schießen, ist keine Kunst, sondern die Konsequenz aus richtig umgesetzten Grundfertigkeiten des Schießens: Visierbild, Haltepunkt, Abkrümmen (ohne die Waffe zu bewegen) und Nachzielen

Die Trainingsmethode des integrierten Trockentrainings unterstützt dabei die positive Zielerreichung.



Links: Zehnmal ein Schuss aus dem Holster aus fünf Meter Entfernung ohne integriertes Trockentraining
Rechts: Zehn Schuss mit „Fünfmal trocken – einmal scharf“
Waffe: SIG Sauer P250 mit DAO (Double Action Only)

Integriertes Trockentraining ist Bestandteil aller Pistolenkurse bei Akademie 0/500®: https://0-500.org/page/Kurzwaffe-Pistole-1
(Freie Kursplätze für Tschechien, Donnerstag, 23. September)

Service
100-Meter-Simulations Drill

Dienstag, 14. September 2021

Langzeittest: OA-15 M5 (Nr. 03)

 

Gewehrkurs CCO mit ELCAN

Gesamtschusszahl: 170 + 280 = 450
Davon mit SD: 0

Störungen Typ I: 0
Störungen Typ II: 0
Störungen Typ III: 0
Störungen Typ IV: 0





Absolviert man einen Gewehrkurs mit offener Visierung, ist die Lernkurve höher. Das ist die Erfahrung aus über 15.000 Schuss Langzeittest mit dem Black Label M4. Das Black Label wurde nur selten mit einer Optik bestückt. Die meisten Schießübungen fanden nur mit Kimme und Korn statt.
Auch Teilnehmer, die Gewehrkurse nur mit offener Visierung absolvieren, empfinden die Lernkurve als besonders hoch. Wer Kimme und Korn beherrscht, kann auch alles andere.

Ein dreitägiger Gewehrkurs im September wurde dazu genutzt, um das neue Oberland OA-15 M5 fast durchgängig mit der Premiumoptik ELCAN Specter 1x/4x zu schießen.
Bei Standardübungen, wie dem 5/1-Drill oder dem ½ & ½ Drill haben Leuchtpunktvisiere nicht zwangsläufig einen Vorteil.

Gleichwohl kann das ELCAN Specter seinen größten Vorteil durch die Umschaltbarkeit von einfacher zu vierfacher Vergrößerung ausspielen. Wodurch die Übung „Rifleman“ fehlerfrei geschossen werden konnte.

Das OA-15 M5 absolvierte im Kurs 280 Schuss ohne Störung.

Nicht schlecht für einen alten Mann
mit Brille: Rifleman fehlerfrei Dank
dem ELCAN Specter 1x/4x



Archiv
Nr. 00 (Erstvorstellung)
Nr. 01 (Einschießen Offene Visierung)
Nr. 02 (Erster Gewehrkurs)
Nr. 03 (Gewehrkurs CCO mit ELCAN)


Mittwoch, 8. September 2021

Akademie 0/500®: Robust Pistol Management

 

Mit dem Auftritt in St. Pölten im August des Jahres wurde der vierte und damit letzte RPM in 2021 absolviert. Die Lehren, welche die Teilnehmer aus dem dreitägigen Kursprogramm mitnehmen, ähneln sich bei jedem Kurs



Das Fortgeschrittenen-Modul RPM lebt von den sogenannten drei Turboladern für die Lernkurve, die aus jedem Schützen einen besseren Schützen machen. Diese sind: Schießen bei Dunkelheit, Schießen auf Stahlziele und der permanente Wechsel zwischen Rechts- und Linksanschlag. Im Detail beschrieben wurden diese Turbolader im Beitrag „5 Jahre RPM

Lehren aus dem RPM

Integriertes Trockentraining ist der Schlüssel zur Verbesserung der Abzugskontrolle (solange die Trockenarbeit korrekt ausgeführt wird)



Häufige Fehler beim Trockentraining



Die Kaufentscheidung für eine Taschenlampe sollte sich vorrangig der Einfachheit des Bedienkonzeptes unterwerfen


Der präzise Einzelschuss ist die Grundlage von allem. Jeder Schuss wird so abgegeben, als wäre es der Schuss auf den es ankommt. Jede Schussabgabe ist eine präzise Schussabgabe. Zehn schnelle Schüsse in Folge sind zehn präzise Einzelschüsse. Jedes Betätigen des Abzugs ist eine in sich geschlossene Trainingseinheit für den Abzugsfinger.



Schwere Abzüge verbessern die Abzugskontrolle. Leichte Abzüge hingegen kaschieren nur den Abzugsfehler, ohne ihn zu beseitigen.

Das Lernziel für die Fortgeschrittenenausbildung ist die ambidextere Waffenhandhabung. Im Fortgeschrittenenniveau darf es für den Anwender keinen Unterschied mehr machen, ob er aus dem Rechtsanschlag oder dem Linksanschlag heraus arbeitet. Das gilt sowohl für Pistole als auch für Gewehr oder Flinte.

Die nächsten RPM-Termine sind angesetzt für den 8. bis 10. April 2022 in Bad Soden
sowie für die KW27 und KW34 in St. Pölten

Termine


Sonntag, 5. September 2021

Die Ortgies-Pistole: Die Glock der 1920er Jahre

 

Die Ortgies besitzt keine Schraube, kann ohne Werkzeug zerlegt werden und besteht aus gerade einmal 28 Einzelteilen. Die von Heinrich Ortgies um 1916 entwickelte und unter der Deutsche Werke AG produzierte Pistole ist wahrlich die Glock der 1920er Jahre



Nimmt man es genau, besitzt selbst eine Glock Pistole mindestens eine Schraube. Die Ortgies Selbstladepistole, die bis 1923 gefertigt wurde, dagegen keine einzige. Ein weiteres Merkmal der Ortgies ist die Zerlegbarkeit ohne Werkzeug und die Tatsache, dass dabei gerade einmal 28 Einzelteile entstehen; das Magazin nicht mitgerechnet. Vergleicht man die Ortgies mit anderen Pistolen ihrer Epoche, ist dieses Merkmal besonders beachtlich und zeigt die Fortschrittlichkeit der Gesamtkonstruktion. Darüber hinaus weist die Ortgies-Pistole kaum außenliegende Bedienelemente auf. Lediglich eine Sicherung, die gleichzeitig als Verschlussstücksperre (Zerlegeknopf) dient und die Handballensicherung wären zu nennen.

Zeitgenössische Darstellung der Ortgies-Pistole
im Kaliber 7,65 mm Browning


Laufwechselmöglichkeit
Ein Alleinstellungsmerkmal erfährt die Ortgies-Pistole aufgrund ihrer Laufwechselmöglichkeit. Im teilzerlegten Zustand kann der Anwender den .380 Auto Lauf mit einem Handgriff gegen einen Lauf des Kalibers 7,65 mm Browning austauschen. Der Lauf ist dabei das einzige Bauteil, welches getauscht werden muss. Ein Wechsel der Schließfeder ist nicht erforderlich. Und sogar das Magazin, welches in der Originalbeschreibung als „Laderahmen“ bezeichnet wird, ist für beide Kaliber kompatibel.

Die Ortgies-Pistole im Kaliber .380 Auto mit
Handballensicherung im gesicherten Zustand

Handballensicherung deaktiviert. Zum neuerlichen
Aktivieren muss der Sicherungsknopf gedrückt werden


Produktionsende 1923
Diese konstruktive Besonderheit der Laufwechselmöglichkeit wurde der Waffe und damit dem Hersteller zum Verhängnis. Pistolen im Kaliber neun Millimeter waren im Sinne des Versailler Vertrags als verbotene Gegenstände deklariert. Die Produktion dieser einzigartigen Waffe musste daher 1923 bei einer Gesamtstückzahl von etwa 446.000 Exemplaren eingestellt werden.

Die Ortgies teilzerlegt


Deutsche Werke AG
Die Deutsche Werke AG war eine Zusammenfassung von 13 ehemaligen Heeres- und Marinewerkstätten nach dem Ende des Weltkriegs, deren Produktion auf zivile Güter umgestellt wurde. In diesen Firmenbund integriert war auch die Gewehrfabrik Erfurt, die ab 1921 die von Heinrich Ortgies entwickelte Pistole mit Patent und auf den Maschinen der Firma H. Ortgies & Co. am Standort Erfurt weiterproduzierte.
Eine Fußnote der Weltgeschichte ist, dass später unter Beteiligung der AEG die Produktion auf Büromaschinen umgestellt wurde und ab 1937 das Schreibmaschinenmodell „Olympia“ und im Zweiten Weltkrieg die Chiffriermaschine Enigma hergestellt wurden.

Nur der Lauf muss gewechselt werden.
Schließfeder und Magazin sind kaliberkompatibel

Das Magazin nimmt sowohl die .380 Auto als
auch die 7,65 mm Browning auf



Varianten
Die Ortgies-Pistole gibt es in drei Kalibern: Als Taschenpistole im Kaliber 7,65 mm Browning (neun Schuss im Magazin) und im Kaliber neun Millimeter Kurz (.380 Auto) mit acht Schuss im Magazin. Die subkompakte Taschenpistole ist für das Kaliber 6,35 mm Browning eingerichtet und fasst ebenfalls acht Patronen.
Eine weitere Ausführung, die speziell für Polizeikräfte gefertigt wurde, besitzt eine zusätzliche Druckknopfsicherung auf der linken Waffenseite direkt oberhalb der Griffschale. Die Griffschalen wiederum sind mit Schrauben befestigt, wodurch sich die „Behördenausführung“ der Ortgies eindeutig abhebt. Bspw. wurden mit dieser Waffe Sicherheitskräfte der Tschechoslowakischen Republik ausgestattet.

Die Laufwechselmöglichkeit ergibt sich über eine
absolut spielfreie, bajonettartige Schwenkverriegelung


Produktbeschreibung
Die Gebrauchsanweisung der Ortgies äußert sich im Eingangstext wie folgt: „Die Ortgies-Pistole vereint in sich alle bisherigen Errungenschaften der Pistolentechnik. Die Mängel anderer Systeme sind bei ihr vermieden. Dazu sind Neuerungen aufgenommen, die in Verbindung mit sauberster Ausführung diese Pistole zu einer Verteidigungswaffe ersten Ranges machen.“
Und weiter: „Die Ortgies-Pistole gehört zur Gruppe der Selbstlader mit federndem Verschluss, sie hat also keine Verriegelung. Dieses System hat sich als das im Gebrauch bei weitem zuverlässigste erwiesen.
Die Vorzüge der Pistole:
1. Wenige und solide Teile
2. Gute Lage in der Hand
3. Festgelagerter und starkwandiger Lauf, daher größte Schussgenauigkeit
4. Auswechselbarkeit aller Teile
5. Weiche Vorholfeder, daher leichtes Spannen
6. Sicherung durch teilweises Entspannen der Schlagfeder und Festlegen der Stange: Keine andere Pistole hat diese Einrichtung
7. Sie ist im gesicherten Zustande sofort schussbereit. Man braucht in der Gefahr nicht an das Entsichern zu denken. Das Entsichern erfolgt durch festes Umfassen des Griffes. Nur bei den Pistolen, an denen auf besonderen Wunsch eine zweite Sicherung angebracht ist, muss diese erst ausgeschaltet werden, was durch einen bequem gelegenen Druckknopf leicht zu bewerkstelligen ist
8. Anzeigevorrichtung, dass die Pistole geladen, nicht, dass sie gespannt ist. Das Geladensein macht die Pistole gefährlich, nicht das Gespanntsein. Der geladene Zustand ist sichtbar und fühlbar. Die ungespannte Pistole lässt sich nicht sichern, weil es unnötig ist
9. Sie kann in gesichertem Zustande geladen und entladen werden
10. Nichtvorhandensein von Schrauben
11. Vornehmes und geschmackvolles Äußeres, keine vorspringenden Teile, keine Öffnungen, durch die Schmutz in das Innere eindringen könnte
12. Leichte Zerlegbarkeit in sämtliche Teile ohne Gebrauch eines Werkzeuges, daher bequemes Reinigen, desgleichen rasches und leichtes Zusammensetzen.“

Schlagbolzen mit Schlagbolzenfeder


Visierung
Die Visierung ist aus dem Vollen gefräst und somit weder austauschbar noch verstellbar. Sie genügt dem Anspruch an eine Taschenpistole zu Verteidigungszwecken vollkommen. Das Visierbild war ausreichend, um die Standardübung Dot Drill fehlerfrei zu schießen.

Die beiden Griffschalen können durch das Lösen
des Griffschalenhalters entfernt werden


Ladestandsanzeiger
Spätere Modelle der Ortgies-Pistole besitzen einen Ladestandsanzeiger. Befindet sich eine Patrone im Patronenlager, verriegelt der Verschluss nicht bündig. Er steht um 0,8 Millimeter nach hinten vom Griffstück ab. Diese Verschlussstellung ist sichtbar und fühlbar. Es handelt sich dabei keineswegs um eine Waffenstörung.

Auch nach einhundert Jahren ist die Ortgies noch
ein Handschmeichler in höchster Verarbeitungsqualität


Sicherung
Die Handballensicherung im Griffrücken ist für Pistolenmodelle der Epoche des beginnenden Zwanzigsten Jahrhunderts nichts Ungewöhnliches; die Colt M1911 A1 hatte sie ebenso wie die FN Modelle 1910 und 1922.
Die Ausführung an der Ortgies ist jedoch bemerkenswert. Wurde die Handballensicherung deaktiviert, aktiviert sie sich beim Loslassen nicht wieder automatisch von selbst. Erst durch das Drücken des Sperrknopfes wird die Sicherung wieder aktiviert. Ausführendes Bauteil für die Aktivierung der Handballensicherung ist die Schlagbolzenfeder.
Der Hersteller empfahl damals, die Waffe grundsätzlich ohne Patrone im Patronenlager zu führen. Aufgrund der Sicherung, wäre ein Führen im fertiggeladenen Zustand aber dennoch möglich. Dazu musste nach dem Zuführen einer Patrone lediglich der Knopf der Sicherungssperre gedrückt werden. „Was sich dem Ohr infolge des Zurückschnellens der Sicherung deutlich bemerkbar macht.“, so die Bedienungsanleitung. Im gesicherten Zustand ist die Pistole teilweise entspannt, wodurch die Schlagfeder stark entlastet wird. Keine andere Pistole der Epoche verfügte über dieses Merkmal.
Im Grunde handelt es sich hierbei um ein „teilgespanntes System“, das erst durch Drücken der Handballensicherung fertiggespannt wird.

Das Modell links zeigt die Ladestandsanzeige bei „Patrone im Patronenlager“
durch den 0,8 Millimeter überstehenden Verschluss. Die Griffschalen weisen
die Initialen des Firmengründers aus: H. O. für Heinrich Ortgies.
Am rechten Modell ist die aus dem Vollen gefräste Visierung zu erkennen


Druckknopfsicherung
Die zusätzliche Druckknopfsicherung der „Behördenausführung“ wirkt unmittelbar auf die Handballensicherung. Ein Deaktivieren der Handballensicherung ist unmöglich, solange die Druckknopfsicherung aktiviert ist.

Die subkompakte Taschenpistole wurde nur
im Kaliber 6,35 mm Browning gefertigt


Zerlegen
Das Zerlegen der Ortgies ist simpel und erfordert kein Werkzeug. Zuerst wird das Magazin (Laderahmen) entfernt und eine etwa im Lauf befindliche Patrone herausrepetiert. Nach Herstellerangabe ist sodann die Schlagfeder zu entspannen indem der Abzug abgeschlagen wird. Jetzt kann der Verschluss nach hinten abgezogen werden. Dazu greift die rechte Hand das Griffstück und drückt den Sperrknopf (Sicherungsknopf / Zerlegeknopf) ein. Die linke Hand zieht den Verschluss so weit zurück, bis der vordere Strich der Riffelung mittig über dem Sicherungsknopf liegt. Jetzt kann der Verschluss angehoben und nach vorn abgenommen werden. Wichtig ist: Der Daumen oder Zeigefinger der linken Hand sollte dabei auf der Rückseite der Verschlussbaugruppe liegen, um den Verlust der Schlagbolzenfeder zu vermeiden. Die Ortgies-Pistole kann grds. im gespannten Zustand zerlegt werden.
Der Lauf kann entfernt werden, indem er eine Vierteldrehung (90 Grad) nach links geschwenkt wird.
Die beiden Griffschalen sind geklemmt und können durch das Lösen einer Sperre (Griffschalenhalter), die sich im Magazinschacht befindet, entfernt werden.

Mit ihren 28 Bauteilen (ohne Magazin) und der kompletten Zerlegbarkeit
ohne Werkzeug ist die Ortgies ein Meilenstein im Pistolenbau


Waffentechnische Versuchsstation
Die Waffentechnische Versuchsstation Neumannswalde bescheinigte der Ortgies: Die Schussleistung und Funktionierung lassen nichts zu wünschen übrig. Die Pistole Ortgies stellt einen bedeutenden Fortschritt in der Waffentechnik dar.

Deutsche Versuchsanstalt für Handwaffen
Die Deutsche Versuchsanstalt für Handwaffen in Berlin-Halensee schreibt: Die Ortgies-Pistole ist eine sehr gut durchkonstruierte, sicher und zuverlässig arbeitende Waffe. Sie bedeutet einen Fortschritt der Waffentechnik. Sie ist als Taschenpistole für jedermann durchaus zu empfehlen.

Die Nomenklatur der Teile



Fazit
Die Ortgies-Pistole ist ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Einfachheit im Aufbau sowie der Handhabung deuten auf einen Weg im Waffenbau, der bis heute relevant ist. Es bedarf keiner Erwähnung, dass die Ortgies den Dot Drill fehlerfrei absolvieren kann. Trotz ihrer einfachen Visiereinrichtung. Die hohe Ausbringungsmenge von fast 500.000 Pistolen in einem relativ kurzen Produktionszeitraum von nicht einmal fünf Jahren, dürfte eine weitere Besonderheit für dieses Pistolenmodell darstellen.


Technische Daten
Modell: Ortgies
Hersteller: H. Ortgies & Co. und Deutsche Werke AG - Werk Erfurt
Produktionszeitraum: 1919 bis 1923
Waffenart: Selbstladepistole (feststehender Lauf, unverriegelter Masseverschluss)
Abzugssystem: Single-Action (teilvorgespanntes System)


Kaliber: 7,65 mm Browning und .380 Auto
Stückzahl: etwa 263.000
L x B x H: 165 x 21 x 110 Millimeter
Lauflänge: 91 Millimeter
Visierlinie: 140 Millimeter
Gewicht: 628 Gramm
Magazinkapazität: 9 bzw. 8 Patronen


Kaliber: 6,35 mm Browning
Stückzahl: etwa 183.000
L x B x H: 133 x 19 x 85 Millimeter
Lauflänge: 69 Millimeter
Visierlinie: 120 Millimeter
Gewicht: 390 Gramm
Magazinkapazität: 8 Patronen

Mehr dazu in Waffenkultur Nr. 59

Donnerstag, 12. August 2021

Fighting Fit: Hochintensivtraining (HIT)

 

Intensitätssteigerung ist eine Möglichkeit, im Fitnesstraining neue Impulse zu setzen und somit den Trainingserfolg zu erhöhen. Mit der Methode des Hochintensivtrainings gelingt das sogar, ohne zusätzliche Zeit investieren zu müssen aber dabei das Verletzungsrisiko dennoch gering zu halten

 

(Bild: U.S. Marine Corps)



Hochintensivtraining bietet eine Reihe von Vorteilen. Es ist vor allem zeiteffizient. In einer relativ kurzen Trainingssitzung von 20 bis 30 Minuten kann durch die Kombination sehr unterschiedlicher Übungen ein Ganzkörpertraining absolviert werden. Sauerstoffaufnahme und Fettverbrennung sind signifikant höher, als beim konventionellen Training. Die regelmäßige Durchführung von HIT Einheiten hat ein messbares Absenken der Ruheherzfrequenz zur Folge.
Durch die Kombinationsmöglichkeiten aus einer Vielzahl von Grundübungen entsteht Variantenreichtum, bei dem das Training auch langfristig niemals langweilig wird. Außerdem besteht so die Möglichkeit, an bestehenden Verletzungen „vorbei zu trainieren“, aber dennoch regelmäßig ein Ganzkörpertraining zu absolvieren. Der Platzbedarf entspricht der Fläche eines großen Bade- oder Handtuchs. Teure Fitnessgeräte oder gar „High-End“ Maschinen sind nicht erforderlich.
Und: Man muss kein „Fitnesssportexperte“ sein, um HIT Einheiten durchzuführen. Schon mit einfachen Übungen stellt sich ein anfänglicher Trainingserfolg ein. Nennenswerte Nachteile birgt die HIT Methode nicht.


Kettlebell, Sandsack und TRX-Schlingentrainer
(hier TRX Force Kit) sind im Fachhandel erhältlich und
aufgrund ihrer Unzerstörbarkeit eine einmalige Investition



Der HIT Zirkel
Ein HIT Zirkel ist eine Aneinanderreihung verschiedener Grundübungen, von denen beliebig viele Runden (Zirkel) absolviert werden können. Diese Grundübungen sollten bewusst einfach gehalten sein, eine bestimmte Wiederholungszahl besitzen und ohne nennenswerte Pause absolviert werden. Alternativ zu einer festgelegten Wiederholungszahl kann auch für jede Übung ein bestimmter Zeitansatz (bspw. 20 bis 60 Sekunden) gewählt werden.
Üblich sind drei bis zehn verschiedene Grundübungen. Wurde der Zirkel einmal durchlaufen, beginnt man von vorn. Man spricht dabei auch von Runden.
Besteht der Zirkel aus lediglich drei Übungen, können durchaus acht bis zehn Runden geturnt werden. Beinhaltet der Zirkel hingegen acht bis zehn Übungen, genügen auch zwei oder drei Runden. Ein Hochintensiv-Zirkeltraining sollte demnach gesamt 20 bis 30 Minuten dauern. Im Ausnahmefall und dem Trainingszustand entsprechend auch länger.
Die Fitnessübung „The Murph“ (Hier) ist in diesem Sinne auch ein HIT Zirkel; wenn auch auf Fortgeschrittenenniveau.


Im Combat Fitness Test (CFT) hat der U.S. Marine eine
ca. 15 Kilogramm schwere Munitionskiste in zwei Minuten
mindestens 67 Mal zu stemmen (weibliche Marines: 30 Mal)
(Bild: U.S. Marine Corps)



Altersgerechte Belastung
Hochintensivtraining bedeutet nicht zwangsläufig Training an der Belastungsgrenze. Ganz im Gegenteil: Die Auswahl der Übungen ermöglicht eine altersgerechte Belastung. Ab einem bestimmten Lebensalter und entsprechend zahlreichen Vorverletzungen ist das Trainingsziel nicht mehr unbedingt der Aufbau, sondern der Erhalt einer Grundfitness. Je nach Allgemeinzustand des Bewegungsapparates lassen sich auch mit einer altersgerechter Belastung unabwendbare Operationen noch einige Jahre hinauszögern.


Übergroße LKW-Reifen zu bugsieren, bringt ungeahnte Belastungen
und macht Spaß. Erfordert aber auch ein entsprechend großes
Trainingsareal (Bild: U.S. Marine Corps)



HITT Methode
Wem die minimalistische HIT Methode für zu Haus nicht mehr ausreicht, der fügt ein weiteres „T“ hinzu. Aus Hochintensivtraining wird High Intensity Tactical Training (HITT). Eine gute Grundfitness und ein stabiler Bewegungsapparat sind hier Voraussetzung. In den Trainingszirkel können neben reinen Körpergewichtsübungen diverse Zusatzgeräte integriert werden. Kettlebell, Sandsack oder ein TRX-Schlingentrainer sind dabei die erste Wahl für einen Privathaushalt und den ambitionierten Freizeitsportler. Diese Trainingsutensilien sind im Fachhandel erhältlich und aufgrund ihrer Unzerstörbarkeit eine einmalige Investition.
Für die Mietwohnung im Mehrfamilienhaus eher weniger geeignet sind übergroße LKW-Reifen, Vorschlaghammer oder Lastschlitten.



(Bild: U.S. Marine Corps)



Trainieren wie die U.S. Marines
Mit High Intensity Tactical Training wird versucht, typische Bewegungsmuster des militärischen (taktischen) Alltags zu simulieren, um eine gezielte Kräftigung des soldatischen Bewegungsapparates zu erreichen sowie das Verletzungsrisiko im Dienst zu verringern. Die HITT Methode des U.S. Marine Corps beinhaltet daher u.a. das Stemmen oder beidhändige Tragen von Munitionskisten (etwa 15 Kilogramm) oder das Wegschleifen eines Verwundeten. Die Entstehung von HITT beim U.S. Marine Corps reicht zurück ins Jahr 2006. Es wurde nach Wegen gesucht, Fitnesstraining grundsätzlich besser in den Dienstalltag zu integrieren und dabei funktionale Übungen zu verwenden, welche die körperliche Belastung im Kampfgeschehen eher unterstützen.
Diese Entwicklung führte zu vollausgestatteten „HITT Centers“ an den einzelnen Standorten der Marines und zu sog. „HITT Lockers“. Diese Trainingscontainer sind mit allem ausgestattet, was zum funktionalen Training erforderlich ist und können mit in das Einsatzgebiet verbracht werden.

Ressourcen
Anregungen für sinnvolle Körpergewichtsübungen sind leicht zu finden. An erster Stelle seien die Fitnessbücher von Mike Diehl „Bodyweight Training“ und „Fitter – Stärker – Schlanker“ und „Einfach Fit. Training ohne Geräte“ empfohlen. Das Buch „Military Fitness: Trainieren wie die Kampfschwimmer“ von Torsten Schreiber und Andreas Aumann gehört ebenfalls zur Standardliteratur in diesem Bereich.
Die „HITT Methodology“ kann ebenso wie das „CFT Prep Guidance“ der U.S. Marines als gleichnamige .pdf im Internet frei heruntergeladen werden.







Fazit
Die Kombination einfacher Körpergewichts-Grundübungen sowie eine Übungsabfolge ohne nennenswerte Pausen, ist das Geheimnis des Erfolgs von Hochintensivtraining. Das Verletzungsrisiko bleibt gering. Zeit- und Geräteansatz sind minimalistisch.

Service
https://www.fitness.marines.mil//