Freitag, 16. Februar 2018

Flinte: Die Wirkungszonenmethode



Zuverlässigkeit durch einfache Mechanik und hohe Trefferwahrscheinlichkeit auf kurze Entfernungen. Flinten sind auf der ganzen Welt bei Behörden, Jägern und Sportschützen in Gebrauch. Waffenkultur zeigt wie man seine Flinte richtig kennenlernt

Von Christian Väth 


Viele Ausbilder und Anwender preisen die Flinte als vielseitiges "Mehrzweckwerkzeug" an. Tatsächlich ist die Flinte eine hochspezialisierte Waffe für kurze Entfernungen und somit ein Werkzeug für bestimmte Situationen. Die Flexibilität eines Sturmgewehrs im Entfernungsbereich zwischen null und 500 Metern fehlt ihr völlig. Wer jedoch sowohl das Potential als auch die Grenzen seiner Flinte kennt, kann enorme Wirkung erzielen.

Eine Flinte ist kein Gewehr
Das große Potential dieser Langwaffe liegt in den Möglichkeiten der Schrotmunition, hier vor allem des Postenschrots (engl. "buckshot"). Mit jedem Schuss werden mehrere Geschosse in einer mit der Zielentfernung steigenden Streuung beschleunigt. Während die penetrierende Wirkung der einzelnen Schrotgeschosse hinter den üblichen Vollmantelgeschossen für Pistolen und Gewehre weit zurückbleibt, ist das Alleinstellungsmerkmal der Schrotmunition die enorme plötzliche Energieabgabe durch mehrere simultane Treffer. Die dem Schrot ureigene Streuung ist ausdrücklich erwünscht. Im Gegensatz zu anderen Waffen bedeutet Präzision beim Flintenschießen nicht das Treffen eines bestimmten Punktzieles, sondern die bestmögliche Ausnutzung einer Zielfläche. Daher ist es entscheidend die Wirkung der Flinte auf unterschiedliche Entfernungen genau zu kennen.

Auf kurze Entfernung verstärken beschleunigte Verbrennungspartikel die Wirkung der Federal Tactical Buckshot


Die Methode
Die Wirkungszonenmethode basiert auf dem sogenannten "Patterning Test" von Gabriel Suarez und ermöglicht die Ermittlung des Wirkungspotentials der eigenen Flinte und Munition. Die Wirkungsentfernung einer Flinte teilt sich in drei Zonen (A,B und C). In der A-Zone bildet das Streumuster der Schrotgeschosse eine dichte Gruppe, die mit der Faust abgedeckt werden kann. In der B-Zone weitet sich dieses Muster bis auf die volle Zielbreite aus. Die C-Zone beginnt schließlich wenn die Streuung größer als ein DIN-A4-Blatt wird. Die Wirkungszonenmethode ermöglicht für die weitere Ausbildung eine klare Bestandsaufnahme der eigenen Möglichkeiten und ist für das Flintenschießen so elementar wie die 25-m-Methode am Gewehr. Die Entfernungsbereiche der einzelnen Zonen hängen sehr stark von der verwendeten Flinte und Munition ab. Wird eine neue Waffe beschafft oder die Munition gewechselt, müssen die Zonen neu ermittelt werden. Exemplarisch wurde die Ermittlung der Wirkungszonen mit einer Remington 870 und Postenschrotpatronen der Marke Federal Tactical Buckshot (12/70) durchgeführt. Wie die Bilderserie zeigt, konnten bis auf zehn Meter Entfernung Gruppen der A-Zone erzeugt werden. Von der 20-Meter-Marke konnte die Streuung gerade eben auf das Blatt Papier eingegrenzt werden, ein weiterer Schuss auf 22 Meter sprengte den Rahmen: die B-Zone endet bei ca. 20 Metern. Die C-Zone bleibt dem Flintenlaufgeschoss (engl. "slug") vorbehalten. Der Übergang in die C-Zone markiert damit für den Flintenschützen den Wechsel der Munitionsart von Postenschrot auf Flintenlaufgeschosse. Das Ende der C-Zone und damit die Grenze der Einsatzmöglichkeit der eigenen Flinte ist erreicht, wenn ein DIN-A4-Blatt mit einem Flintenlaufgeschoss nicht mehr sicher getroffen werden kann. Im Anschluss wurde die Methode mit der gleichen Flinte, aber einer anderen Munition (Geco Coated Competition Buckshot) wiederholt. Hier war bereits bei 15 Metern das Ende der B-Zone erreicht.

Bis auf eine Entfernung von zehn Metern bleibt die Streuung faustgroß - die A-Zone


Die gewollte Streuung
Anhand der Wirkungszonenmethode kann auch die für den eigenen Zweck beste Munition gefunden werden. Grundsätzlich sollte der Übergang von der B in die C-Zone möglichst spät erfolgen, um einen möglichst großen Anwendungsbereich zu eröffnen. Ideal ist eine frühe Öffnung der Streuung (alle Projektile sind als einzelne Treffer erkennbar) und eine möglichst späte Ausweitung außerhalb des DIN-A4-Blattes. Diese "Idealzone" einer kontrollierten Streuung bietet das größte wundballistische Potential und die höchste Ersttrefferwahrscheinlichkeit. Nach weiteren Tests ließ sich der Entfernungsbereich dieser Zone für die getestete Kombination (Remington 870 mit Federal Tactical Buckshot) im Bereich neun bis 20 Meter - also gerade einmal elf Meter - definieren. Ziel der Auswahl von Waffe und Munition muss es sein, die Größe der "Idealzone" zu maximieren, ohne die höchste Wirkungsentfernung zu gering ausfallen zu lassen. Die Kombination von Remington 870 und von Munition wie der Geco Coated Competition Buckshot könnte dabei hinderlich sein, sind doch viele Postenschrotpatronen auf eine möglichst enge Streuung ausgelegt.

Volle Ausnutzung der Zielbreite auf 15 Meter Entfernung - die B-Zone


Die Würgebohrung (Choke)
Ein weiteres Versuchsschießen mit einer herkömmlichen Bockdoppelflinte (Miroku Mk 38 im Kaliber 12/70) bestätigte erneut die gewonnenen Erfahrungswerte. Im praktischen Flintenschießen mit Postenschrot und Flintenlaufgeschossen ist der Einfluss einer Würgebohrung vernachlässigbar. Die Testwaffe verfügt über einen Lauf mit Vollchoke und einen mit einer 3/4-Bohrung. Die Trefferauswertung zeigte keine erkennbaren Unterschiede. Besitzer von Jagdflinten müssen so bei der Umsetzung der Wirkungszonenmethode keinen Gedanken an ihre Bohrungen verschwenden. Die abweichende Wirkung bei Trap und Skeet muss dem Anwender jedoch bewusst sein. Wer sich jedoch von Beginn an zumindest für eine Flinte der zweiten Generation (Repetierflinte mit Röhrenmagazin) entscheidet, genießt erhebliche Vorteile.

Unterschiedlich große Würgebohrungen ohne relevante Abweichungen - A und B-Zone der beiden Läufe dieser Bockdoppelflinte in Kombination mit der Geco Competition Buckshot sind gleich groß


Anwendung
Sind die Wirkungszonen ermittelt, verfügt der Schütze über verifiziertes Wissen zum Potential seiner Waffe und seiner Munition. Diese Kenntnisse ermöglichen ihm eine Einschätzung, wann seine Streuung so groß wird, dass Geschosse auch außerhalb des ausgewählten Zieles einschlagen. Hier ist der Punkt erreicht an dem der Schütze zu einer anderen Munition (Flintenlaufgeschoss) oder einer anderen Waffe greifen muss, um Sicherheitsregel Nummer vier (Positive Zielidentifikation) nicht zu verletzen. Ohne die Durchführung der Wirkungszonenmethode ist ein handlungssicherer Umgang mit der Flinte nicht möglich.

Fazit
Die Flinte wird von vielen Anwendern entweder völlig über- oder unterschätzt. Am Ende ist sie die Waffe der Wahl für die ersten 30 Meter. Keine andere Feuerwaffe kann hier eine ähnliche Wirkung entfalten. Wer sich für den Besitz dieses Spezialwerkzeuges entscheidet oder bereits eine Flinte sein Eigen nennt, sollte als verantwortungsvoller Waffenbesitzer sein Potential und seine Grenzen kennen. Die Wirkungszonenmethode gehört zum Standardkursinhalt bei Akademie 0/500.

Service
Die nächsten Flintenkurse finden am 17. und 18. März 2018 in Bocholt statt.