Mittwoch, 3. Juni 2020

Leuchtpunktvisiere auf Pistolen - Teil 2


Der Beitrag über die Nachteile von Leuchtpunktvisieren (LPV) auf Pistolen befeuerte einen Diskurs auf fachlich hohem Niveau. Zuschriften von professionellen Anwendern führten zu einem zusätzlichen Erkenntnisgewinn auf allen Seiten und zu diesem zweiten Teil der Betrachtung


Von Tobias Bold, Christian Väth und Henning Hoffmann

Teil 1 der Betrachtung zu Leuchtpunktvisieren (LPV) auf Pistolen kam zu dem Fazit, dass ein LPV keineswegs Dinge vereinfacht. Ein LPV führt weder zu einer steileren Lernkurve in der Erstausbildung, noch zu geringerem Trainingsaufwand in der Folge. Eher das Gegenteil ist der Fall. Darüber hinaus erhöhen sich im Vergleich zu einer Kimme/Korn Visierung die Anschaffungskosten und der Wartungsaufwand bei einer deutlich geringeren Allwettertauglich.

Alles nur Luxus?
Nicht unbedingt. Es existiert ein Bereich, in dem ein LPV seine Vorteile ausspielen kann. Dieser Bereich ist sehr schmal und wird vermutlich von einem Privatanwender niemals erreicht werden können.
Eine hohe Grundbefähigung und hohes Trainingsvolumen sind die Schlüsselfaktoren, um die (wenigen) Vorteile eines LPV auf einer Pistole überhaupt nutzen zu können. Natürlich glauben alle, beides zu besitzen.

Hohe Grundbefähigung
Eine hohe Grundbefähigung entsteht vor allem durch eine kompetente Erstausbildung und viel Trainingsfleiß. Auch Talent und Begabung sind hierbei nicht unerheblich. Blinder Trainingseifer hingegen ist kontraproduktiv. Der Anwender sollte sich auf dem Weg hin zu einer hohen Grundbefähigung Standards setzen und sich permanent den kritischen Augen eines Mentors stellen. Im Bereich des Schusswaffengebrauchs bedeutet das: Grundfertigkeiten, Kimme und Korn und Standardübungen mit enger Zeitbegrenzung.

Hohes Trainingsvolumen
Ein hohes Trainingsvolumen definiert sich über die Ressourcen Zeit und den Munitionsverbrauch. (Und nein; einmal pro Woche im Schützenverein stehen, führt zu keinem hohen Trainingsvolumen.)
Die Schießausbildung bei Spezialeinheiten erfordert nicht selten einen Munitionsverbrauch von 500 Schuss pro Angehörigem pro Monat. Jeden Monat.
Die Ressource Zeit teilt sich in Trockentraining, den scharfen Schuss und verschiedene administrative Tätigkeiten im Zusammenhang mit Schießausbildung allgemein. Wird unterstellt, dass in einem professionellen Ausbildungskonzept die Trockenarbeit das Drei- bis Fünffache des Scharfen Schussen betragen kann, wird deutlich, welchen zeitlichen Gesamtumfang Schießausbildung einnehmen kann.
Somit ist der Faktor „hohes Trainingsvolumen“ wohl nur in Spezialverwendungen anzutreffen oder bei international bekannten, renommierten Schießtrainern, die ihren Lebensunterhalt mit Ausbildung bestreiten.
Andererseits ist Schießen selbst bei Spezialeinheiten nur noch selten eine Kernkompetenz. Vielmehr wird es neben den Ausbildungsbereichen Fahren, Funken, Sprachen, Sprengen, Springen, Orientieren usw. als Kleines Einmaleins vorausgesetzt.


Co-Witness: Der Rotpunkt des LPV hat die gleiche Visierlinienhöhe, 
wie die Eisenvisierung mit Kimme und Korn (Foto: Dr. Matthias Dominok)


Eintausend Schuss extra
Im Erfahrungsaustausch bezifferte ein Schießausbilder für Spezialkräfte im benachbarten Ausland den zusätzlichen Munitionsverbrauch auf eintausend Schuss. Dieser Munitionsansatz sei notwendig, um vorausgebildetes Personal im Pistolenschießen von Kimme/Korn auf LPV umzuschulen.
Wesentlich für eine erfolgreiche Umschulung sind die erwähnte hohe Grundbefähigung mit dem Beherrschen von Kimme und Korn sowie ein perfektionierter Ziehvorgang.
Erleichtert wird die Umschulung durch das Vorhandensein eines Co-Witness. Heißt; der Rotpunkt des LPV hat die gleiche Visierlinienhöhe, wie die Eisenvisierung mit Kimme und Korn. Im Resultat steigern sich die Schießergebnisse noch einmal um fünf bis zehn Prozent. So der Erfahrungswert aus mehreren Jahren Spezialkräfteausbildung.
Die prozentuale Steigerung wurde in diesem Fall dienststellenintern mittels standardisiertem Schießtest ermittelt, der insgesamt 20 Schuss umfasst und bei dem ein Quotient aus Treffern und Zeit gebildet wird.

Quereinstieg?
Diskutiert wurde auch die Sinnhaftigkeit des Quereinstiegs. Bedeutet: Neue Schützen werden in ihrer Schießausbildung vom ersten Tag an mit LPV bestückten Pistolen geschult. Zu diesem Ansatz gibt es derzeit noch nicht ausreichend empirisches Material, das belastbar wäre. Mit etwas zeitlichem Abstand wird es daher in „Die Waffenkultur“ einen dritten Teil zum Thema LPV auf Pistolen geben.

Thesen:
Einige Thesen lassen sich zum Thema „Erstausbildung mit LPV bestückten Pistolen“ dennoch aufstellen:

Es entsteht eine Fähigkeitslücke bei der Benutzung von Kimme/Korn.

Hat der Anwender einmal keine Optik mehr zur Verfügung, ist das Gejammer groß.

Auf einen korrekten Bewegungsablauf beim Ziehvorgang muss von Beginn an mehr Ausbildungs- und Trainingszeit verwendet werden.

Die Schützen nehmen den eigenen Abzugsfehler über die Bewegung des Leuchtpunktes vor und während der Schussabgabe deutlicher wahr. (Sog. Ball-im-Tor-Effekt)

Die beiden vorgenannten Punkte könnten zu einer Effizienzsteigerung in der Ausbildung führen.

Fazit
Hohe Grundbefähigung und hohes Trainingsvolumen sind Voraussetzungen, um ein LPV auf einer Pistole tatsächlich vorteilhaft nutzen zu können. Für 95 Prozent aller Anwender bleibt das LPV daher nur ein „nettes Gimmick“.


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